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Zivildienst in Weissrussland2. Bericht über die Arbeit in behinderten KindernDieser Bericht im *.pdf Format zum Runterladen Zivildienst Minsk 2. Bericht.pdf
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Minsk im Februar 1996 Дорогие Друзья, liebe Freunde!
er erste Sommer mit strahlender Sonne und warmem Wetter ist vorbei und auch der wunderschön bunte Herbst ist lange schon Vergangenheit. Inzwischen regiert hier der Winter mit viel, viel Schnee und eisigen Temperaturen das Leben, ein Winter wie wir ihn in Deutschland so schon lange nicht mehr kennen. Einen ganzen Jahreslauf habe ich hier in Minsk durchlebt und trotzdem kommt es mir oft so vor, als wäre ich erst seit einigen Wochen hier, als würde ich von den Dingen die hier vor sich gehen noch überhaupt nichts verstehen. Es ist wohl eine Eigenart Rußlands, dass man, je mehr man über das Land lernt und erfährt, desto weniger die Dinge des täglichen Lebens versteht, verstehen kann. Vieles wird mir wohl immer ein unerklärliches Rätsel bleiben. Noch immer mache ich mich jeden Morgen um acht Uhr auf den Weg in das детский дом интернат Новинки (Heim für „bildungsfähige und -unfähige“ Kinder Nowinki), eine Behinderteneinrichtung für ca. 160 Mädchen und Jungen zwischen 5 und 18 Jahren. Die allgemeine Situation in Nowinki hat sich in der Zeit in der ich hier bin nur geringfügig geändert. Für die älteren Jungen und die sehr schwer behinderten Kinder (hier werden sie „Idioten“ genannt) ist die Wohnsituation durch den Abschluss der Renovierungsarbeiten, ein bisschen besser geworden. Für die Mädchen aber, ist mit Einsetzten des Winters die Situation fast unerträglich kalt geworden da in diesem Teil des Internates die Heizung nicht mehr funktioniert und das bei Außentemperaturen von durchschnittlich -10°C. Überhaupt ist das ganze Heim von den noch immer andauernden Renovierungsarbeiten geprägt. Meine Arbeit in Nowinki war im Laufe dieses Jahres durch ständige Wechsel der Räumlichkeiten und der Arbeitsbedingungen gekennzeichnet, was für mich bedeutete, dass ich mehrmals sozusagen von vorne anfangen „durfte“. Bis nun der Winter kam war das für mich nicht so schlimm, da wir viel Zeit draußen verbrachten. Wir spielten im Garten um das Internat herum und auf den umliegenden Wiesen und Feldern. Dort haben wir Blumen gepflückt, Ball gespielt, Sandburgen gebaut, haben im Wald Himbeeren gesammelt und waren oft im nahen See schwimmen. Wir, das waren zu dieser Zeit fünf bis sechs Jungen mit verschieden Behinderungen, die alle recht fit sind, zumindest doch körperlich. Auf einige werde ich später noch genauer eingehen. Meist habe ich mich jeden Tag mit anderen Kinder beschäftigt, damit alle mal ein bisschen Spaß haben und an die frische Luft kommen. Vor unseren Ausflügen in die Natur haben wir jeden Tag in unserem Klassenzimmer gemalt, gesungen, gebastelt, Geschichten gelesen und einfach so gespielt. Ein Junge war bis vor kurzem ständig bei mir in der Gruppe und zwar Sascha, ein zwölf Jahre alter, eigentlich recht intelligenter, aber sehr aggressiver Junge. Er wurde in keiner anderen Gruppe aufgenommen, da er oft die anderen Kinder schlägt und viel Spielzeug kaputt macht. dass er etwas schlechtes bzw. unrechtes tut, ist ihm nach seinen „Taten“ immer bewusst und er will es auch nie wieder tun, doch leider vergisst er das eben sehr schnell wieder... Unser Verhältnis zueinander war ein sehr enges, da er niemanden hatte der für ihn ein bisschen Geduld und Liebe aufbrachte. Die von mir mitgebrachten Lieder konnte er immer als erster auswendig, oft war er sogar der einzige der sie aus vollem Herzen vor sich hin trällerte. Leicht war es trotzdem nicht, da ich mich nicht nur auf ihn konzentrieren konnte und er eben einen Menschen braucht, der sich ganz ihm zuwendet, der ihn kennen lernt und der ihm weiterhilft im Leben. An Sascha habe ich auch gemerkt, dass es eigentlich schon wichtig wäre, dass ich mehr Erfahrung und Wissen vom Umgang mit Behinderten hätte, denn oft fehlte mir einfach der richtige Weg um in einer schwierigen Situation mit ihm fertig zu werden. Zusätzlich, wie fast alle anderen Kinder in Nowinki, leidet auch er unter starkem Hospitalismus, was darauf zurückzuführen ist, dass er die letzten drei, vier Jahr wegen seiner Aggressivität in keiner Klasse aufgenommen wurde und so sein kleines Leben eben auf dem Flur verbringen musste. Wenigstens die Wochenenden verbringt er zu Hause bei seiner Mutter, die alleine lebt und so tagsüber arbeiten muss, um das nötige Geld zu verdienen.
eine „Sommerferien“ habe ich dann auf dem Lande, an dem größten See Weißrusslands, dem Нарочь (Narotsch), verbracht. An diesem See befindet sich ein Bauprojekt, in welchem deutsche und russische Freiwillige Lehmhäuser für Umsiedler aus den radioaktiv verseuchten Zonen Weißrusslands bauen (Heim-statt Tschernobyl e.V.). War eine sehr erholsame Zeit mit frischer Luft und viel körperlicher Arbeit, mir tat es einfach gut mal aus dieser riesigen Stadt mit ihrer ganzen Hektik und Unruhe herauszukommen. Im Anschluss an diese warmen Sommertage in der Natur machte ich mich dann noch auf den Weg in Richtung Westen, nach Hause, um einmal wieder die „Vorteile des Kapitalismus“ zu genießen. Auch wenn vieles in diesem unseren Deutschland schon sehr sonderbar erschien, so war es doch eine sehr schöne Zeit mit all den lieben Menschen die ich dort wieder traf. Nach dieser Unterbrechung im Sommer habe ich versucht meine Arbeit in Nowinki irgendwie neu zu gliedern, bzw. mehr Regelmäßigkeit in ihr zu finden, da eine ständig wechselnde Gruppe für mich doch recht anstrengend war. Ich wollte eine feste Gruppe, da es mir auch wichtig war eventuelle Fortschritte bei den Kinder zu sehen. Als ich all dies dann endlich mit dem Direktor geregelt hatte, eine eigene Gruppe mit vier Jungen zusammen getrommelt hatte und eigentlich alles wunderbar zu sein schien, stellt sich heraus, dass der Raum in dem ich mich jeden morgen mit den Kindern beschäftigte, nun für die pädagogische Leiterin des Heimes als Büro gebraucht wurde. Einen neuen Raum gab es für mich erst mal nicht, da keiner vorhanden war. Dieser Verlust hat mich damals ziemlich getroffen, da wir den Raum auch schon sehr schön hergerichtet hatte und uns dort recht wohl fühlten. Zu diesem Zeitpunkt dachte ich auch nun irgendwie Halt gefunden zu haben, in diesem für mich doch sehr fremdartigen Land. Gerade erst hatte ich mir ein Fahrrad gekauft und fuhr jeden Morgen, doppelt so schnell wie der Bus, überglücklich die 8 Kilometer zur Arbeit. Vorbei an wunderschönen herbstlichen Ahornbäumen, an einem Fluss entlang, über die Insel unseres Badesees, durch einen Wald und durch noch nicht gemähte goldgelbe Roggenfelder. Mit dem Verlust des Klassenzimmers kam dann auch noch das kalte Wetter und ich durfte mich wieder in den übervollen Bus quetschen. Ohne Raum und Motivation habe ich dann einige Wochen versucht mit den Jungs auf dem Flur irgend etwas auf die Reihe zu bekommen, was mir aber hauptsächlich Nerven raubte, da die Jungs dort einfach nicht zu beruhigen und zu konzentrieren waren. Wenn ich so zurück schaue war dies doch der eindeutigste Tiefpunkt meiner Zeit hier. Es gab in dieser Zeit Tage, da hätte ich fast alle Zelte hier abgebrochen. Keinen Menschen in diesem Heim zu haben, der meine Probleme versteht, ist nicht leicht. Der Direktor versprach mir dann für Anfang Dezember einen neuen Raum, den ich dann, nach unserem Länderseminar mit Aktion Sühnezeichen in Moskau, auch wirklich bekommen habe. Es war ein frisch renoviertes kleines Zimmerchen, sonnig und warm. Mir erschien es fast wie ein Wunder und ich war bis über beide Ohren motiviert. Dort haben wir zusammen, während draußen eisiger Schneesturm um die Ecken pfiff, Weihnachtssterne gebastelt, im Kerzenschein Geschichten gelesen und Winterlieder gesungen und einfach so die Zeit mit einem Stück Schokolade genossen. Bis Ende Dezember waren wir dort jeden Morgen und obwohl es dort recht schön war, so war es doch nicht einfach für mich, da Sascha eine recht schwierige Phase hatte und ich mich tagelang nur auf ihn konzentrieren musste. Ließ ich ihn einmal fünf Minuten aus den Augen, so waren gleich die Bilder oder Gardinen von der Wand gerissen oder ein anderes Kind bekam Hiebe. Mit dem Jahreswechsel hat dann in Minsk ein Partnerschaftsprojekt mit Lebenshilfe für geistig Behinderte e.V. begonnen. Unter anderem beinhaltet dieses Projekt die Einstellung von vier neuen Lehrerinnen, die 20 der am schwersten behinderten, bis jetzt noch nicht geförderten Kinder in Nowinki unterrichten, bzw. erst einmal ein bisschen zivilisieren sollen. Durch den Beginn dieses Projektes habe ich zu meinem großen Schrecken feststellen müssen, dass mein neues Zimmerchen für das Projekt als Klassenzimmer gebraucht wurde. Ich war also nach nur einem Monat „Idylle“ wieder obdachlos und stand mit meiner Bande Jungen auf dem Flur. Da stand ich nun alleine, wollte einerseits meine Kinder behalten, sah mich andererseits aber nicht mehr imstande mit ihnen wieder auf diesem Flur Klasse zu spielen, da mir dafür einfach die Kraft fehlte. Mitte Januar habe ich mich, nach langen schlaflosen Nächten, dazu entschlossen die Gruppe zu wechseln. Dieser Wechsel war für mich nicht leicht, da ich inzwischen sehr an meinen Jungs hänge, außerdem bedeutete es für sie, dass sie jetzt wieder alleine auf dem Flur sitzen. Gewechselt habe ich in eine Gruppe mit sechs Jungen und Mädchen, die an Zerebralpharese leiden, also an einer frühkindlichen Gehirnschädigung, die sich als Lähmung, bzw. Bewegungsstörung auf den Körper niederschlägt. Durch den zu hohen Muskeltonus sind die Muskeln bei diesen Kindern ständig verkrampft und lassen, je nach schwere der Behinderung fast gar keine koordinierte Bewegung zu. Drei der Kinder sind geistig fast ganz normal entwickelt, z.B. Ljuba, ein sechzehn Jahre altes Mädchen, mit dem ich gerade lesen lerne. In dieser Gruppe zu arbeiten hat für mich einiges geändert und ich bin doch froh, dass ich diesen Sprung geschafft habe. Zum einen habe ich endlich einen festen Arbeitsplatz, da ich mich in ihrem Schlafzimmer mit ihnen beschäftige und so wohl nicht mehr hinausgeschmissen werden kann. Und zum anderen herrscht in dieser Gruppe eine sehr schöne und friedliche Atmosphäre, die mir wieder viel neue Kraft und Ausdauer gegeben hat. Mit zwei der Kinder übe ich jeden Tag laufen, was für sie noch sehr anstrengend ist, ihnen aber viel Spaß macht, da man dadurch aus den verschiedenen Fenstern das Leben auf dem Hof mit verfolgen kann. Mit einem anderen dagegen versuche ich sprechen zu lernen, bzw. Laute zu formieren. Ansonsten spielen wir mit meiner alten Holzeisenbahn, die mir meine Mutter geschickt hat, bauen aus Baufix Autos und Häuser, malen viele bunte Bilder, legen Puzzle, singen Lieder und lesen Geschichten. Viele Sachen funktionieren nur mit viel Hilfe, da die Kinder durch ihre Spasmen sehr eingeschränkt sind, um so größer ist jedoch die Freude, wenn etwas eigenständig klappt. Wenn man z.B. die Eisenbahn ganz alleine auf den Gleisen durch den Tunnel schiebt! Sehr viel Freude bereiten auch alle möglichen Legespiele, wie z.B. Memory, da sie Spiele die hauptsächlich im Kopf stattfinden besonders gut können. Vor dem Mittagessen verteile ich immer noch eine Runde Vitamintabletten und nachdem ich dann zusammen mit der Sanitarka, der dort zuständigen Putz- und Aufsichtsfrau, die Kinder gefüttert und schlafen gelegt habe, mache mich so gegen halb drei auf den Heimweg. In dieser Gruppe arbeitet außer mir noch Christoph, Freiwilliger einer anderen Organisation. Er arbeitet nur nachmittags, wodurch wir beide uns recht gut ergänzen. Zusammen haben wir einen Masseur gefunden, der seit Januar Halbtags in unserer Gruppe arbeitet, mit den Kindern Gymnastik macht und sie massiert. Sein Gehalt, 150.- DM im Monat, haben wir durch Spenden schon für ca. ein Jahr im voraus gesammelt wodurch seine Arbeit auf jeden Fall Zukunft hat. Wenn es uns die finanziellen Möglichkeiten erlauben wollen wir noch einen Logopäden für diese Gruppe suchen, sowie Physiotherapeuten für die anderen liegenden Kinder in Nowinki. Wie man aus meinem Bericht wohl schon heraus hört hat Nowinki einen Direktor, der für die Aufgabe eines Behindertenheimleiters, weder geeignet ist, noch sich in irgendeiner Weise für Verbesserungen einsetzt. So haben wir z.B. vor fünf Monaten ein Bällebad für Nowinki gekauft, was bis zum heutigen Tag noch nicht aufgebaut wurde und das obwohl ich inzwischen die Sozialbehörde eingeschalten habe und fast täglich nachfrage! Man wird immer mit vielen schönen Worten beruhigt, aber geschehen tut halt doch nichts. Das Desinteresse des Direktors an Hilfe lässt sich vielleicht dadurch erklären, dass Hilfe, bzw. Verbesserungen für das Heim für ihn Arbeit bedeuten und auf zusätzliche Arbeit hat er wenig Lust. Mit diesem Direktor hat die Sozialbehörde der Zukunft des Heimes schon einen dicken Stein in den Weg gerollt, aber „für die Renovierung brauchte man eben einen Mann, der davon etwas versteht“, wie seine Vorgesetzte aus der Sozialbehörde meinte... Neben dem Behindertenheim in dem ich arbeite befindet sich das Heim für erwachsene Behinderte. In dieses Heim kommen fast alle Kinder aus Nowinki mit 18 Jahren. Z.B. Ljuba aus meiner jetzigen Gruppe wird in ca. einem Jahr dorthin verlegt werden. Die Zustände in dem Erwachsenenheim sind um ein vielfaches schlechter als im Kinderheim, da erwachsene Behinderte ja keine Bildung mehr erhalten, auch gibt es dort keinerlei Werkstätten oder andere Beschäftigungsmöglichkeiten für die Behinderten. Die Menschen die dort die Behinderten beaufsichtigen sind nach Ansicht der Lehrerinnen in Nowinki noch motivationsloser als die Sanitarkas im Kinderheim, viele von ihnen sind Alkoholiker, ehemals Straffällige etc. Man kann sich wahrscheinlich gar nicht vorstellen was dort für Zustände herrschen. Der dortige Direktor lässt keinerlei Kontakt zur Außenwelt zu, wodurch ich bis jetzt noch keine Chance hatte dort einen Blick hinein zu werfen. Allerdings habe ich dies auf jeden Fall noch vor, da sich unsere Arbeit nur dann als wirklich sinnvoll erweist, wenn die Kinder nicht mit 18 Jahren in ein Gefängnis kommen, um dort noch einige Jahre vor sich hin zu leben. Die Situation dort zu ändern wird allerdings noch viele, viele Jahre dauern. Erstmal sollte es darum gehen Kontakte zu knüpfen, um mit unseren Kinder dort ihre Freunde besuchen zu gehen, die jahrelang mit ihnen in einem Zimmer schliefen und dann eines Tages hinter der hohen Mauer verschwanden. Auch will ich für mich einfach die Möglichkeit schaffen in ein paar Jahren hier meine Kinder wieder besuchen zu können.
ine große Aufgabe haben mein neuer Mitbewohner Boris und ich uns für den Sommer vorgenommen. Und zwar wollen wir vom 14. Juli bis zum 4. August 1996 hier in Minsk ein Sommerlager zusammen mit Aktion Sühnezeichen Friedensdienste auf die Beine stellen. Bauen wollen wir zwei Abenteuerspielplätze, einen in Nowinki und einen in der Krebskinderklinik Barawljany, in welcher Boris arbeitet. Auf jedem der Spielplätze soll in diesen drei Wochen jeweils ein Turmkomplex mit verschiedenen Brücken, Rutschen, Schaukeln und alles was sonst noch so dazu gehört entstehen. Noch suchen wir viele motivierte Teilnehmer, wer also von Euch Lust und Spaß hat daran teilzunehmen und handwerklich nicht allzu ungeschickt ist, ist herzlich eingeladen! Die Unterbringung wird wohl in Zelten stattfinden und auch bei Verpflegung und Arbeitsbedingungen werden wir eher improvisieren müssen. Besonders spannend und lustig wird es dadurch werden, dass wir ständig von einer Horde Kinder umgeben sein werden, die sich jetzt schon auf Euch freuen! Neben der Arbeit werden wir noch versuchen ein bisschen etwas vom Leben in Belarus mitzubekommen und falls Interesse besteht, können wir z.B. nach Chatyn, der Gedenkstätte für die im Zweiten Weltkrieg zerstörten Dörfer fahren.
ein zweiter Arbeitsplatz sollte sich für mich ja eigentlich im Büro der BelAPDI, der Assoziation „Eltern behinderter Kinder, entwickeln. Der Aufbau dieses Büros ist ebenfalls Teil des Projektes von Lebenshilfe. Da die Bauarbeiten in diesem Büro aber immer noch nicht abgeschlossen sind mache ich für die BelAPDI bis jetzt nur kleine Übersetzungen und bin eine Art Verbindungsglied zwischen Lebenshilfe, Nowinki und BelAPDI. Anfang Februar fand von Lebenshilfe geleitet, in Nowinki ein erstes Seminar mit und für die vier neu eingestellten Lehrerinnen statt. Meine Aufgabe war es dabei gelegentlich zu übersetzen und der deutschen Seite die Absurditäten des russischen Alltages ein bisschen durchsichtiger zu machen. Wenn ich Glück habe erlebe ich die Eröffnung des Büros der BelAPDI noch mit und verbringe dann dort wohl so einen Tag in der Woche vor dem Computer etc.
amit von Euch beim Lesen keiner einschläft, jetzt aber erst mal ein kleiner Text zum aufmuntern und nachdenken, für die dies können auch auf Russisch! Geschrieben wurde er von Daniil Charms einem russischen Klassiker des Absurden, der zu Lebzeiten von seinem Erfolg wenig mitbekommen durfte, statt dessen unter Stalin in eine Psychiatrie eingewiesen wurde und dort mit nur 37 Jahren starb. Потери Андрей Андреевич Мяасов купил на рынке фитиль и понес его домой. По дороге Андрей Андреевитч потерял фитиль и зашел в магазин купить полтораста грамм полтавской колбасы. Потом Андрей Андреевич зашел в молокосоюз и купил бутылку кефира, потом выпил в ларьке маленькую кужечку хлебного кваса и встал в очередь за газетой. Очередь довольно длинная, и Андрей Андреевитч простоял в очереди не менее двацати минут, но когда он подходил к газетчику, то газеты перед самым его носом кончились. Андрей Андреевитч потоптался на месте и пошел домой, но по дороге потерял кефир и завернул булочную, купил французскую булку, но потерял полтавскую колбасу. Тогда Агдрей Андреевитч пошел домой, но по дороге упал, потерял французскую булку и сломал свое пенсне. Домой Андрей Андреевитч пришел очень злой и сразу лег спать, но долго не мог зазнуть, когда заснул, то увидел сон: будто он потерял зубную щетку и учистит зубы каким-то подсведчиком. Даниил Хармс (1935) Verluste Andrej Andrejewitsch Mjasow kaufte auf dem Markt einen Kerzendocht und trug ihn nach Hause. Unterwegs verlor Andrej Andrejewitsch den Docht und ging in ein Geschäft, um sich hundertfünfzig Gramm Wurst aus Poltawa zu kaufen. Dann ging Andrej Andrejewitsch in die Molkereigenossenschaft und kaufte eine Flasche Kefir, dann trank er an einem Kiosk einen kleinen Krug Kwas und stellte sich in eine Schlange nach der Zeitung an. Die Schlange war ziemlich lang, und Andrej Andrejewitsch stand mindestens zwanzig Minuten in der Schlange, aber als er beim Zeitungsverkäufer ankam, wurde ihm die letzte Zeitung vor der Nase weggekauft. Andrej Andrejewitsch trat von einem Fuß auf den anderen, dann machte er sich auf den Heimweg, aber unterwegs verlor er den Kefir und ging in die Bäckerei, kaufte ein französisches Weißbrot, verlor dabei aber die Wurst aus Poltawa. Da ging Andrej Andrejewitsch schnurstracks nach Hause, unterwegs aber fiel er hin, verlor das französische Weißbrot und zerbrach sich seinen Zwicker. Nach Hause kam Andrej Andrejewitsch sehr böse und legte sich sofort schlafen, konnte aber lange nicht einschlafen, und als er eingeschlafen war, träumte er, er habe seine Zahnbürste verloren und putze sich die Zähne mit einem Kerzenhalter. Daniil Charms
anz so chaotisch ist mein Leben hier bis jetzt zum Glück noch nicht, aber oft kommen einem die Einkaufsspaziergänge durch die Stadt ähnlich sinnlos vor. Wenn es in der Wechselstube mal wieder keine Rubel gibt oder nur noch Fünftausender Scheine, so dass man, um die Telefonrechnung zu bezahlen noch eine extra Tüte kaufen muss. Wenn mal wieder weder Kefir noch Milch vorhanden ist oder ein Bus überhaupt nicht mehr kommt und einem schon fast die Nase abfriert, dann steht man auf einmal hier in Minsk und fragt sich: Was um alles in der Welt willst du hier in dieser grauen Stadt, in der die Menschen scheinbar nicht zu Ruhe kommen wollen, sei es der Produkte wegen oder aus Angst der Hektik des Alltags nicht mehr hinterherzukommen? Meist sind solche Fragen aber schnell wieder im Hinterkopf verschwunden, da es doch viele, viele gute Gründe gibt dieses Treiben hier vor Ort mitzuerleben.
ie Lebensumstände der Menschen hier in Belarus haben sich, wie in der gesamten ehemaligen UdSSR, nach dem Zusammenbruch des Sozialismus um einiges verschlechtert. Viele Arbeitslose, zu niedrige Gehälter, die manchmal monatelang nicht ausgezahlt werden usw. So kämpft sich der Großteil der Russen mühsam von einem Monat zum nächsten und nur einige wenige haben es geschafft das große Geld zu machen. Besonders schwer hat es die alten Menschen getroffen, die mit sehr niedrigen Renten auskommen müssen. Da dies bei den ständig steigenden Preisen nicht möglich ist, sind sie fast alle auf irgendeine Nebenerwerbsquelle angewiesen: Man putzt, kehrt die Straßen, arbeitet als Sanitarka in Nowinki, oder verkauft geröstete Sonnenblumenkerne. Auslöser für die wirtschaftliche und gesellschaftliche Krise in Weißrussland ist der extreme Produktionsrückgang in der Industrie in den letzten Jahren. So haben fast alle Firmen die Produktion stark zurückgefahren. Das liegt zum einen daran, dass Rohstoffe jetzt im Ausland (Russland) erworben werden müssen und unheimlich teuer geworden sind; zum anderen ist auch der große Absatzmarkt, der durch die UdSSR gesichert war, verschwunden. Die Menschen hier kaufen lieber die schön aufgemachten westlichen Waren, als die weißrussischen, die nicht mal mehr viel billiger sind. An dieser Tendenz hat auch das nach der Unabhängigkeitserklärung relativ starke Nationalbewusstsein der Weißrussen nichts geändert. Inzwischen ist auch dieses fast verschwunden, man könnte auch sagen, dass bei vielen der Menschen nahezu überhaupt kein politisches Interesse mehr vorhanden ist. Die meisten fühlen sich schlicht von den Politikern betrogen. Unter Berücksichtigung all dieser Umstände ist es für mich nicht sehr verwunderlich, dass so viele Menschen sich in die Zeit des Kommunismus zurück wünschen. In diese Zeit, in der man sich nicht weiter engagieren musste um einigermaßen sicher und gut leben zu können. Denn so gibt es in den Geschäften heute zwar alles zu kaufen was das Herz begehrt, doch psychologisch gesehen ist es für die Menschen viel schlimmer, ständig alle Produkte vor Auge gehalten zu bekommen und sie sich nicht leisten zu können, als wenig Auswahl zu haben, aber alles vorhandene immer kaufen zu können. Der Konsum privater Haushalte hat im Jahre 1995 um 30% abgenommen, eine Zahl die viel über die Lage und den Lebensstandard der Menschen hier aussagt. Der Präsidenten Weißrusslands A. Lukaschenko hat sich vor kurzem eine neue Wirtschaftsform ausgedacht. Den „Marktsozialismus“, wie er es so schön nennt. Laut Lukaschenko ist dies die Lösung schlechthin, denn der marktwirtschaftliche Sozialismus wird zentralistisch geleitet und geplant, erbringt aber trotzdem (!) wirtschaftliche Ergebnisse wie in der Marktwirtschaft. Was er sich da genauer drunter vorstellt ist wohl niemandem so recht klar, hoffen wir, dass es nicht ganz schief läuft... Ansonsten werden hier immer mal wieder Leute „zurückgetreten“, wenn sie irgendwo zu aktiv werden. Oppositionellen Zeitungen und Radiosendern wird die Arbeit erschwert, bzw. sie werden gleich ganz verboten usw. Man kann nur hoffen, dass sich die Situation für die Menschen hier bald einmal verbessert, auch wenn es für mich momentan noch nicht danach aussieht. Zu stark ist einfach der Teufelskreis von zu geringem Gehalt, Motivationslosigkeit am Arbeitsplatz, schlechter und geringer Produktion, wodurch keine Gewinne und auch keine höheren Gehälter zustande kommen. Ein Weg ist immer zurück, zurück in die Zukunft und wenn der Westen verhindern will, dass dieser vielleicht folgenschwere Weg eingeschlagen wird, dann muss er schauen, dass seine Politik nicht weiter darauf spekuliert Russland in seiner gegenwärtigen beschämenden Lage zu belassen
eine Wohnung ist immer noch in einem dieser grauen Betonblöcke, an einem kleinen Park nicht all zu weit von der Stadtmitte entfernt. In das zweite Zimmerchen ist vor einem halben Jahr Boris gezogen, ein Freiwilliger aus Bielefeld. Nun genießen wir das Leben hier zu dritt, denn eine kleine Katze hat sich auch noch bei uns einquartiert, die tagsüber unsere Wohnung bewacht. Sie hat uns unter anderem schon unsere Hausratte verjagt und die Kakerlaken haben auch kein leichtes Leben mehr. In unserem Alter zu zweit in solch einer Wohnung zu wohnen ist hier sehr ungewöhnlich, da in Russland unheimlich wenig Wohnraum besteht, wodurch eine Zweizimmerwohnung für eine Familie mit bis zu drei Kindern geplant ist. Auch deshalb finden hier bei uns oft und ausführlich irgendwelche Feten statt. Ansonsten gehe ich abends oft ins Ballett, was noch immer sehr billig und gut ist. Ab und zu finden auch mittelmäßige Konzerte von irgendeiner krachmachenden Gruppen statt, wo man dann doch gerne mal hingeht um etwas vom „Minsker-Underground“ mitzubekommen... Vor einem halben Jahr habe ich einen Klarinettenlehrer kennen gelernt und habe seit dieser Zeit wieder Unterricht, macht viel Spaß, wenn auch die Zeit nicht immer zum üben reicht. Mit der Sprache geht es inzwischen recht gut, auch wenn es noch immer viel zu lernen gibt und ich noch nicht so ganz zufrieden mit mir bin. Ich habe ja auch immer noch Russischunterricht bei unserer Kommunistin, die z.Zt. unheimlich glücklich über die Rehabilitierung Chauchescos ist. Momentan wartet sie auf die Rehabilitierung Honeckers und die öffentliche Erschießung Gorbatschows... Wenn es nicht so traurig wäre ihr verdrehtes Geschichtsbild, so könnte man ziemlich viel lachen in ihrem Unterricht.
achdem ich lange nicht so recht gewusst habe wie man in Nowinki weiterhelfen kann, da ja auch der Direktor so wenig Interesse an Hilfe zeigt, habe ich nun endlich einige sinnvolle und wichtige Aufgaben für deren Erfüllung Ihr spenden dürft! Zum einen ist die Finanzierung für den Bau der Spielplätze noch offen, was wohl einiges an Geld brauchen wird und je mehr uns zu Verfügung steht um so mehr können wir natürlich bauen. Zum anderen würden wir in Nowinki auch noch gerne einen Logopäden einstellen, für welchen aber erst einmal das Gehalt gesammelt werden muss. Dann würde ich gerne für die anderen Klassen ein kleines Budget bereitstellen, damit sich diese bei Bedarf Stifte, Papier, Bälle etc. kaufen können. Wenn also irgendeiner von Euch eine Goldgrube entdeckt hat, meine Kontonummer lautet: 1614726, Sparkasse Überlingen (BLZ 69051830), bitte vermerkt auf der Überweisung „NOWINKI“. Auch meine Gruppe und ich haben noch viele Wünsche die bis jetzt noch nicht in Erfüllung gegangen sind, es wäre also wirklich toll, wenn ein bisschen Geld zusammen kämme! In meinem nächsten Rundbrief werde ich dann davon berichten was wir mit dem Geld „angestellt“ haben. Wer Lust und Laune hat, darf auch gleich noch mal spenden! Und zwar kostet Aktion Sühnezeichen solch ein Friedensdienst wie ich ihn hier leiste viel Geld. Der Staat bezahlt ja immer noch gar nichts, wodurch alles durch Spenden finanziert werden muss. Wer an ASF nix spenden will oder schon hat, kann mich auf dem Überweisungsvordruck auch einfach ausschneiden und an die Wand hängen... Ein Halbes Jahr ist also noch geblieben von dieser Zeit hier und jetzt langsam merke ich wie gut es mir hier doch gefällt und wie sonderbar mir der Gedanke erscheint wieder nach Hause zu fahren. Vor allem kann ich mich nicht so recht entschließen, was dort werden soll. Studieren, eine Lehre oder erst mal Reisen? Klingt ja alles ganz schön, aber ist es das wirklich? Ich werde schon einen Weg finden und sonst kann ich ja auch immer wieder zurück zu meinen Kindern hier nach Minsk...
Euch allen wünsche ich einen schönen Frühling, viel Freude, Kraft und Sonne, viel Zeit und Geduld zum Leben. Alles Liebe, Пока, Euer Nikolai Höfer! |
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