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Diktatur der Biologie

Von H. J. Muller zu T. D. Lysenko


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Einleitung

Die Selektion des Menschen - Beginn der Eugenik

Neubeginn im Osten - Eugenik und Genetik in Russland

Die Trennung von Liebe und Zeugung - Antropogenetika

Sozialistische Utopien - Muller in Russland

Die Erziehung der Pflanze - Lysenkos Aufstieg

Lieber Genosse Stalin! - Muller greift ein

Die Zerschlagung der Genetik - Lysenkoismus als Staatsdoktrin

Résumé und Ausblick

Literatur

"Основное заблуждение генетиков состоит в том,

что они признают неизменяемость в длительном ряду поколений генов.

Правда, они признают изменчивость гена через десятки и сотни тысяч поколений,

но спасибо им за такую изменчивость".

Т. Д. Лысенко 1937

 Einleitung

 

1933 reiste Hermann Joseph Muller, ein amerikanischer Eugeniker und Genetiker, in die Sowjetunion in der Hoffnung dort zusammen mit sowjetischen Wissenschaftlern seine Pläne zur Züchtung genetisch verbesserter Menschen umzusetzen. Stalin fand jedoch keinerlei Gefallen an künstlichen Massenbesamungen und sorgte dafür, dass die sowjetischen Genetiker bzw. Eugeniker (damals fast synonym gebraucht) für über 15 Jahre in Misskredit fielen. Als Galionsfigur der neuen sowjetischen Biowissenschaften wurde dagegen Trofim Denisovič Lysenko inthronisiert, der mit seinen kuriosen Lehren von plötzlichem Artenwandel und der Vererbbarkeit erworbener Eigenschaften im Westen nur Verwunderung hervorrief. Seine Lehren wurden zur uneingeschränkt geltenden Staatsdoktrin erklärt. Die Folgen für die Sowjetunion waren verheerend, man verpasste nicht nur den Anschluss an die internationalen biowissenschaftlichen Entwicklungen, sondern es kamen auch unzählige Wissenschaftler, die sich nicht von ihren alten Ansichten lossagten in den stalinistischen Strafgefangenenlagern ums Leben.

In dieser Arbeit soll ein Teil der Entwicklung der Naturwissenschaften der 20er bis 60er Jahre in der Sowjetunion nachgezeichnet werden. Es gilt dabei besonders den Übergang zwischen der Eugenik und Genetik und dem Lysenkoismus herauszuarbeiten. In vielen Arbeiten kommt gerade dieser Übergang zu kurz und es werden entweder die Einzelpersönlichkeiten (H. J. Muller, T. D. Lysenko) oder die Forschungsschwerpunkte (Entwicklung der Eugenik oder des Lysenkoismus) in den Fordergrund gestellt. Es soll außerdem herausgefunden werden, ob der Lysenkoismus eine logische Folgeerscheinung der übertriebenen Forderungen und Ansichten der Eugeniker in der Sowjetunion war, und inwiefern ihnen in diesem Sinne eine gewisse Eigenschuld für ihr Ende zukommt. Es soll auch auf die Frage eingegangen werden, ob Lysenko, im Westen nur als der »Diktator der Biologie« rezipiert, es letzten Endes »verhinderte«, dass es zur künstlichen Besamung von Tausenden von Frauen kam. Besondere Beachtung gebührt außerdem Aleksandr S. Serebrovskij, einem oft übersehenen russischen Vordenker H. J. Mullers.

Keine genaueren Untersuchungen konnten hier zur Rolle des »Neuen Menschen«, der sowohl nach den Theorien der russischen Eugenik, der deutschen Nationalsozialisten, als auch der Kommunisten geschaffen werde sollte, stattfinden. Eine Untersuchung hierzu würde Lysenko in gewissem Sinne ausklammern können, da er sich ausschließlich mit der Pflanzenzucht befasste. Auch die Rolle der Literatur, die sich mit der Aufarbeitung der Wissenschaftsgeschichte in der Sowjetunion beschäftigt hat, wird nur am Rande Beachtung finden.


 

Die Selektion des Menschen - Beginn der Eugenik

 

Mit zunehmenden naturwissenschaftlichen Erkenntnissen über den Menschen, wurde Ende des 18. Jahrhunderts das Verlangen in dessen Entwicklung einzugreifen, immer größer. Dies war die Geburtsstunde der Eugenik. Bevor auf deren Entwicklung in Russland eingegangen wird, soll hier in kurzer Übersicht die eugenische Bewegung als Ganzes vorgestellt werden.

Als Begründer gilt der Sozialdarwinist Francis Galton (1822-1911) der 1883 den Begriff von der »guten Geburt«, der Eugenik [1] prägte. Galton war der Ansicht, dass wesentliche Merkmale des Menschen erblich und somit angeboren sind und nicht anerzogen werden können, wie dies die Lamarckisten[2] und Behavioristen behaupteten. Neben dem elterlichen Erbgut hatte nach Galton aber auch die jeweilige Rasse einen großen Einfluss auf das individuelle Erbgut.[3] Die eugenischen Gesellschaften, die sich bald schon über die gesamte westliche Welt verbreitet hatten, fürchteten vor allem, dass durch den Prozess der Zivilisation die natürliche Selektion verhindert würde und sich dadurch minderwertiges menschliches Erbgut mehr und mehr ausbreiten könnte. Diese Befürchtungen lagen darin begründet, dass der Mensch durch Darwin seine Sonderstellung unter den Lebewesen verloren hatte und nunmehr wie jede andere »Tierart«, wenn nicht gleich aussterben, so zumindest degenerieren konnte.[4] Um dem entgegen zu wirken, wollte "[...] man die Fortpflanzung der »Erbgesunden« fördern (positive Eugenik) und die von »Erbkranken« verhindern (negative Eugenik)." [5] Um das Erbgut der Menschheit zu erhalten und zu verbessern, ersann man verschiedene Zuchtmaßnahmen, propagierte Sterilisation, wollte Heiratserlaubnisse vom »Erbwert« abhängig machen usw. Mit Hilfe der Eugenik sollte so »wissenschaftlich« in den Sozialprozess eingegriffen werden.[6]

Unterstützung erhielt die eugenische Vererbungstheorie in den 1890er Jahren durch den deutschen Zoologen August Weismann (1834-1914), der anhand seiner extrem deterministischen Keimplasmatheorie aufzeigte, dass wegen der sehr frühen Trennung von Geschlechts- und Körperzellen keine Vererbung erworbener Eigenschaften möglich ist. Erziehung und Prägung durch die Gesellschaft würden demnach also nicht zu einer Verbesserung der Erbmasse beitragen. Damit ließen sich die Hauptargumente gegen die Eugenik entkräften. Ein weiterer Schritt, der gegen die Lamarckisten sprach, war 1900 die Wiederentdeckung der Mendelschen Regeln: Sie belegten, da das Ergebnis der Kreuzungsversuche voraussagbar war, dass materielle Träger der Vererbung vorhanden sein müssen.[7] Die Eugeniker hofften nun die Gene zu finden, auf denen die Veranlagung z.B. für Alkoholismus, Schwachsinn oder Intelligenz materialisiert ist. Da man jedoch keine Kreuzungsexperimente mit Menschen durchführen konnte, wie dies Gregor Mendel 1865 mit seinen Erbsen getan hatte, versuchte man, durch das Erstellen von umfangreichen Stammbäumen mögliche Gesetzmäßigkeiten zu entdecken. Noch zu Lebzeiten Galtons wurde in wissenschaftlichen Kreisen klar, dass es sich mit der Vererbung von Merkmalen wesentlich komplizierter verhält, als z.B. bei Mendels Erbsen. So wurde unter anderem aufgezeigt, dass schon bei der Kreuzung einiger reinerbiger Bohnenarten plötzlich »fremde« Varianten auftreten und so die Gentheorie wieder in Frage stellten.[8] Auch das Hauptargument der Eugeniker, dass sich durch fortschreitende Zivilisation, Hygienemaßnahmen, Gesundheits- und Sozialwesen immer mehr Krankheiten im Genpool ansammeln könnten, wurde 1908 durch das Hardy-Weinberg-Gesetz wiederlegt, welches aufzeigte, dass sich rezessive und dominante Gene gleichberechtigt ausbreiten und somit keine lawinenartige Ausbreitung oder Akkumulation von Erbkrankheiten zu erwarten ist.[9]

Auf der anderen Seite zeigen Untersuchungen um die sowjetischen Forscher Serebrovskij und Četverikov im Jahre 1926, dass wilde Drosophilastämme immense Mengen von letalen oder pathogenen rezessiven Genen ansammeln, die, wenn sie sich weit genug verbreitet hatten, durch Kreuzung mit einem anderen heterozygoten Individuum homozygot dominant bemerkbar machten. Ließe sich das Ergebnis direkt auf die menschliche Evolution übertragen, so schien nur noch eine wissenschaftliche Planung der menschlichen Fortpflanzung in der Lage zu sein, die Selbstzerstörung der Zivilisation abzuwenden.[10]

Obwohl, wie sich zeigt, der wissenschaftliche Diskurs um die Relevanz von Anlage oder Umwelt für die Entwicklung der Menschheit mit Nichten abgeschlossen war, kam es schon bald zur Umsetzung von eugenischen Theorien. Zu Beginn vor allem in den USA, wo die Eugenikbewegung unter anderem für die wissenschaftliche Rechtfertigung der Schwarzenunterdrückung sorgte, Sterilisationsmaßnahmen bei Schwachsinnigen propagierte und zu einer äußerst restriktiven Einwanderungspolitik führte. Hermann Joseph Muller, ein Befürworter der Eugenik, kritisierte diese Form der zunehmenden Dominanz der Ökonomie über die Eugenik in einem gleichnamigen Artikel.[11] Er setzte schon in den 20er Jahren große Hoffnung in die sozialistischen Länder, die seiner Meinung nach nicht aus Profitgier handelten, sondern nach einer wirklichen Vervollkommnung des Menschen strebten. Nur dort konnte man seiner Meinung nach eine andere, nicht profitorientierte, Eugenik durchsetzen.

 

Neubeginn im Osten - Eugenik und Genetik in Russland

 

Nachdem im Westen die Ideen zu einer grundsätzlichen sozialen Revolution nur Utopie geblieben waren, überraschte das unterentwickelte ländliche Russland 1917 ganz Europa mit seiner Oktoberrevolution. Waren zu Beginn vor allem die künstlerischen Vereinigungen Russlands die treibende Kraft, um verschiedene neue Ideen in die Wirklichkeit umzusetzen, so waren es bald auch die Naturwissenschaftler, die nach dem Zusammenbruch des Zarenregimes nach einem Neuanfang suchten. "In dieser apokalyptischen Situation sahen sich die russischen Wissenschaftler vor der Wahl zwischen Emigration mit Neubeginn im Westen oder Teilnahme am sozialistischen Experiment. […] Während im Land noch der Bürgerkrieg tobte und alle an Hunger litten, organisierten sich Biologen in kleinen, gut organisierten Gruppen und besetzten enteignete Gebäude, Gutshöfe und Schlösser. Es entstand eine neue Art von experimentellen Forschungsstationen und Laboratorien." [12]

Unter den jungen, in die Freiheit entlassenen, Wissenschaftlern herrschte Aufbruchstimmung, man wollte seinen Teil zur Schaffung einer modernen Industrienation beisteuern. Dies lag auch daran, dass sich eine eigenständige russische Naturwissenschaft erst Ende des 19. Jahrhunderts gebildet hatte und es vorher vor allem deutsche Wissenschaftler gewesen waren, die in Russland geforscht hatten.[13] Durch diese Phase der Neuorientierung der Naturwissenschaften, war es vielen Wissenschaftlern zunächst freigestellt, in welche Richtung sie forschten. Inspiriert wurden sie unter anderem durch die neusten Entwicklungen in der Genetik. So fanden sich auch in der Sowjetunion bald wissenschaftliche Gruppen, die sich für die Eugenik begeisterten.

Eine eigene Abteilung der Eugenik wurde in Russland erstmals 1919 am Moskauer Institut für experimentelle Biologie unter der Leitung von Nikolaj K. Kol'cov (1992-1940) eingerichtet. Eine zweite Abteilung für Eugenik bestand ab 1921 in Leningrad in der Akademie der Wissenschaften, deren Leiter Juri A. Filipčenko (1882-1930) war. Beide Wissenschaftler gelten als Begründer der russischen Eugenik. Filipčenko hielt ab 1913 erste Genetikvorlesungen und schon 1917/18 Vorlesungen über Eugenik an der Petersburger Universität.[14] Kol'cov übernahm den Vorsitz der 1922 gegründeten Russischen Eugenischen Gesellschaft: Er vermittelte zwischen Ortsgruppen und hielt Kontakt zur Internationalen Kommission für Eugenik in Brüssel und zu Wissenschaftlern der 1905 gegründeten Deutschen Gesellschaft für Rassenhygiene. Russland war das 22. Mitgliedsland dieser Kommission.[15] Durch die engagierte Arbeit der Eugeniker in den 20er Jahren, war die Sowjetunion eine der weltweit führenden Kräfte in Populationsgenetik, landwirtschaftlicher Genetik und Mutationsforschung. 1934 war die Sowjetunion außerdem das erste Land, das medizinische Genetik (Mediko-Evgenika) institutionalisierte.[16]

Eugenik spielte in der Sowjetunion neben der wissenschaftlichen auch noch eine weitere Rolle, die des »Religionsersatzes«. Man erhoffte sich nicht nur durch die Verbesserung der Lebensumstände, sondern vor allem durch Eingreifen in die Fortpflanzung, die Schaffung eines »Neuen Menschen«. "Eugenics fit ideally the new emphasis on science as a way of undermining religion and improving the human conditions; it entailed a scientistic, materialist, biosocial concept of human beings; it sought to apply the results of genetics to benefit society; and it emphasized the human power to shape the future."[17] So war nach Kol'cov die "Eugenik […] die Religion der Zukunft und wartet auf ihre Propheten".[18]

Die Forschungsrichtungen der russischen Eugenik, vor allem unter Filipčenko, lagen im Erstellen von Stammbäumen besonders talentierter Individuen aus Kreisen der Intelligencia, wichtiger Forscher oder auch der Familien einzelner Dekabristen. Des weiteren wurden Untersuchungen zu verschiedenen Krankheiten und ihrer vermeintlichen Vererbbarkeit (Schizophrenie, manische Depression etc.) durchgeführt und Populationsstatistiken (Kriegseinflüsse, Heiratsstatistiken etc.) erstellt.[19]

Diese erste Welle der russischen Eugenik geriet ab Mitte der 20er Jahre zunehmend unter Druck, da sich ihre Arbeiten vor allem auf die Intelligencia konzentrierten und sie z.B. eine Öffnung der Universitäten für einfache Bauern ablehnte. Mit zunehmender Kritik wurden diese Entscheidungen revidiert und man argumentierte jetzt, dass »gute« Gene durch uneheliche Kinder in die Bauernschicht eingekreuzt worden seien. Auch die Revolutionäre sollten demnach ihre »guten« Gene aus der Aristokratenschicht erhalten haben. Vor allem Kol'cov zeigte, wie sehr er von der biologischen Überlegenheit des Bürgertums überzeugt war und erhielt dadurch große Probleme.[20]

Weniger bürgerlich dachte eine neue Generation von Wissenschaftlern, die ihre Wurzeln nicht mehr im zaristischen Russland, sondern schon in der jungen Sowjetunion hatte. Zu ihnen gehörten Aleksandr S. Serebrovskij (1892-1948) und Sergej S. Četverikov (1880-1959). Diese beiden Genetiker waren es, die von Muller 1922 über 100 verschiedene Drosophilastämme erhalten hatten, mit denen sie die erste sowjetische Drosophila-Arbeitsgruppe gründeten. Mit Hilfe dieses Materials, kamen sie 1926 zu dem schon weiter oben vorgestellten Ergebnis, dass wilde Drosophilastämme immense Mengen von letalen und pathogenen rezessiven Genen ansammeln. Die Erfolge, die sie mit ihren Arbeiten erzielten, machten sie zur Avantgarde der sowjetischen Genetiker. Mit zunehmendem Selbstbewusstsein begannen sie auch in die politisch-philosophische Debatte um Eugenik und Lamarckismus einzugreifen.[21] Um sich vom Westen abzugrenzen, aber auch da man sich von der negativen Eugenik keine Erfolge versprach und diese einen »bourgeoisen« Touch hatte, suchte man für die Verbreitung von »guten« Genen nach Lösungsmöglichkeiten durch eine positive Eugenik, d.h. durch die künstliche Besamung mit dem Erbgut ausgesuchter Männer.[22]

Neben den enthusiastischen Befürwortern von Genetik und Eugenik gab es aber auch andere junge Wissenschaftler, die die moderne Genetik als unmarxistisch und ideologisch fragwürdig ablehnten. Diesen jungen Wissenschaftlern galt es "[...] vorrangig den Einfluss der Umwelt auf das genetische Material und die Qualität von Organismen zu studieren". Dafür "[...] schienen lamarckistische Theorien von der Vererbbarkeit erworbener Eigenschaften besser geeignet zu sein." [23] Die Schaffung eines »Neuen Menschen« wäre bei der ohnehin notwendigen Neugestaltung der Umwelt sozusagen ein positiver Nebeneffekt gewesen. Als es 1926 auf einer Sitzung der Kommunistischen Akademie, bedingt durch die Diskreditierung der »bürgerlichen« Eugenik, zu einer "[...] offiziellen Absegnung des Lamarckismus als einziger mit dem Marxismus vereinbarer Vererbungslehre [...]" [24] kommen sollte, ging Serebrovskij zum Angriff über. Er versuchte den Teilnehmern klar zu machen, dass man die missbrauchte Eugenik aus den Zwängen des Klassenfeindes befreien müsse und es nicht ausreichen würde nur die äußeren Lebensumstände zu verbessern, sondern dass man auch die erbliche Grundlage eines jeden Menschen verbessern müsse. Besonders gelte es dabei die Arbeit des Kommissariats für Öffentliche Gesundheit zu kontrollieren, das "[...] die Existenz der Kranken unterstützt, defekte Kinder rettet [...], das die Lebensbedingungen derart verbessert, dass die Kindersterblichkeit sinkt und die, die früher umgekommen wären, die Möglichkeit zum Leben erhalten."[25]

Serebrovskijs Vortrag rief lauten Widerspruch hervor und erst Hermann Mullers Entdeckung der künstlichen Mutationsauslösung durch Röntgenstrahlen 1927 konnte eine Trendwende in der Sowjetunion auslösen. Serebrovskij erkannte die ungeheure Wichtigkeit dieser Entdeckung, dass Mutationen keine gezielten oder gerichteten Antworten auf Umwelteinflüsse waren, sondern regellose Zufallstreffer, die in Mullers Experimenten durch radioaktive Bestrahlung ausgelöst worden waren. In gewissem Sinne war es diese Entdeckung Mullers (für die er erst 1946 den Nobelpreis erhalten sollte), die zunächst ein Aus für alle lamarckistischen Vorstellungen in der Sowjetunion bedeuten sollte: Serebrovskij veröffentlichte noch im selben Jahr einen vielbeachteten Artikel in der Pravda unter dem Titel Vier Seiten, die die wissenschaftliche Welt erschütterten und stellte damit die Wichtigkeit von Mullers Entdeckung auf eine Stufe mit der Oktoberrevolution (vgl. John Reeds Bestseller Ten Days that Shook the World, 1919 New York).[26]

Schon zu diesem Zeitpunkt war in der Sowjetunion keine eindeutige Trennung zwischen Eugenik und Genetik mehr vorhanden, so waren Mullers Experimente in erster Linie rein genetisch, Serebrovskijs spätere Interpretationen jedoch eugenisch ausgerichtet. Diese Vermischung setzte sich bis zum Ende des Lysenkoismus weiter fort. Auch verschiedenen Autoren, die zu diesem Thema gearbeitet haben, folgen keiner klaren Trennung. Dies liegt auch daran, dass eine Trennung sehr schwierig ist, da alle genetischen Theorien und Versuche ihre Anwendung letzten Endes in eugenischen Maßnahmen finden.

Dass sich nicht nur die amerikanische, sondern auch die sowjetische Forschung auf einem hohen Niveau befand, wurde noch im selben Jahr auf dem 5. Internationalen Kongress für Vererbungswissenschaften in Berlin klar, wo 14 Beiträge der sowjetischen Genetik und Biowissenschaften von Četverikov, Vavilov und anderen große Beachtung fanden. Insgesamt war die sowjetische Delegation, mit 64 vertretenen Wissenschaftlern, die größte.[27]

Der Durchbruch für Eugeniker und Genetiker kam in der Heimat jedoch erst 1928, zu Beginn des ersten Fünfjahresplans. Während die Gegner weiter philosophierten, konnte Serebrovskij neue Wissenschaftler, teils ehemalige Lamarckisten, für die Genetik gewinnen, so die Mediziner Israel I. Agol und Solomon G. Levit, den Biologen Nikolaj P. Dubinin und den Deutschen Max Levin. Es wurden Massenunterweisung von Züchtern, Agrarwissenschaftlern und Kolchosbauern in Genetik und ihren Kreuzungsmethoden durchgeführt und Serebrovskij plante die Besamungstechnik von ausgesuchten Bullen großflächig, parallel zur Zwangskollektivierung und Kulakenverfolgung, durchzuführen. 1929 wurde eine All-Unions-Konferenz abgehalten, auf der die Genetik die Hauptrolle spielte. Die Genetiker waren siegessicher und man verlangte eine "[...] offizielle Erklärung, dass lamarckistische Ideen eine »Abweichung« vom Marxismus darstellten - ein Verdikt, das zu Beginn der stalinistischen Ära für die Betroffenen bereits weitreichende Folgen haben konnte." [28] Diese Entwicklung ist besonders in der Hinsicht von Bedeutung, dass man die gegnerische Meinung (die ohne Lysenkos späteres Hinzutun nicht grundsätzlich falsch war) genauso wenig tolerierte, wie später Eugenik und Genetik von Seiten der Lysenkoisten nicht toleriert wurden. Auch die Genetiker konnten eine andere Meinung nicht akzeptieren.

Die Forderung nach einer Verurteilung konnte man nicht durchsetzen, jedoch erklärte die Kommunistische Akademie ihre Präferenz für die moderne Genforschung und die Tätigkeit der Lamarckisten wurde im Einflussbereich der Genetiker stark eingeschränkt. "Ende der zwanziger Jahre hatte sich damit sowohl in der angewandten, als auch in der theoretischen Genetik und Evolutionsforschung der Sowjetunion die dynamische und an ökonomische Prozesse angelehnte Betrachtungsweise des Genbestandes durchgesetzt." Mit starkem Rückenwind gingen die Genetiker um Serebrovskij ab 1929 an ein humangenetisches Großprojekt heran, das "[...] auch weitgehende Eingriffe in den »Genbestand« der sowjetischen Bevölkerung vorsah." [29] Manifestiert wurde es in einer Schrift Serebrovskijs aus dem Jahre 1929, die als der große Entwurf einer sozialistischen Eugenik in der Sowjetunion angesehen werden kann. Da sie auch für die spätere Rezeption von Mullers Schaffen wichtig ist, soll sie im Folgenden ausführlich dargestellt werden.

  

Die Trennung von Liebe und Zeugung - Antropogenetika

 

Die Euphorie, die sich in Serebrovskijs Artikel Antropogenetika i Evgenika v Socialističeskom obščestve[30] widerspiegelt, war in gewissem Sinne seine enthusiastische Antwort auf die Aufnahme in die Kommunistische Partei kurz zuvor. Mit dem Titel und dem von ihm viel benutzten Wort Antropotechnika bezog er sich auf eine Arbeit des Zoologen Il'ja I. Ivanov (1870-1932), der Ergebnisse über Besamungsversuche von Affen in Afrika, unter anderem mit menschlichem Sperma und umgekehrt, unter dem Titel Zootechnika veröffentlicht hatte.[31] Serebrovskijs Arbeit war eine Symbiose dieser Arbeit und beinhaltete Gedanken aus der weltweiten Eugenikbewegung.

In dem Artikel wird verurteilt, dass bei der Erschließung der wirtschaftlichen Ressourcen für den Aufbau eines modernen Industriestaates, der von ihm so benannte Genofond vergessen worden sei. So wie Öl, Kohle, Metall etc. stelle auch der Genofond der gesamten Bevölkerung einen ungeheuren ökonomischen Reichtum dar und müsse erschlossen und erforscht werden. Anhand einer Gengeographie solle die Verteilung der verschiedenen Gene festgestellt werden. Serebrovskij vertrat dabei durchaus auch heute noch moderne Ansätze, was die Erforschung von Genverteilungen betraf (z.B. über Blutgruppengeographie und deren Ausbreitung in bestimmten Berufsgruppen).[32]

Als große Gefahr für die Entartung der Menschheit sah er die Ansammlung von Mutationen im menschlichen Erbgut. "Zählt man zusammen, welche Kraft, Zeit und Mittel freigesetzt würden, wenn es uns gelänge, die Bevölkerung unserer Sowjetunion von jeglichen Erbleiden zu reinigen, so könnte man wahrscheinlich einen Fünfjahresplan in 2 ½ Jahren erfüllen." [33]

Die Rolle der Eugenik beschreibt Serebrovskij zunächst durchaus differenziert, da er sich auch der Gefahren bewusst war, die eine Propagierung dieser primär »bürgerlichen« Wissenschaft mit sich brachte. "Inzwischen steht aber außer Zweifel, dass nur die sozialistische Gesellschaft in der Lage ist [der Eugenik] Zuflucht zu gewähren [...] und zu verhindern, dass sie [...] zu einer nutzlosen Spießbürgerin [...]" [34] wird. Er fordert jedoch keine »utopische Eugenik«, die einen »idealen Übermenschen«, jenseits von Zeit, Raum und sozialem Milieu kreiert und wendet sich auch gegen den weiter oben erwähnten Religionsvergleich von Kol'cov.

Dass die Ideen der eugenischen Bewegung, vor allem der positiven Eugenik, im Westen nicht funktionieren konnten, liegt nach Serebrovskij an der klassischen Familienstruktur des Besitzbürgertums, welches nur seine eigenen Kinder anerkennt. Auch die negative Eugenik, wie sie in den USA praktiziert wurde, reiche nicht aus, da sich negative Gene nicht ausmerzen lassen, und Sterilisation etc. nicht zur Verbreitung positiver Gene beitrage. Gute Gene von außergewöhnlichen Menschen würden sich demnach nur durch künstliche Befruchtung in großer Anzahl verbreiten lassen. "Die Lösung des Problems [...] wird zweifellos nur im Sozialismus möglich - nach der entgültigen Zerschlagung der Familie, dem Übergang zur sozialistischen Erziehung und der Trennung von Liebe und Zeugung." [35] Liebe sollte aufhören als reine Privatsache zu existieren. "Der Sozialismus [...] wird auch die moderne Familie zerstören und insbesondere in den Männern den Unterschied in ihren Beziehungen zu Kindern ihres eigenen oder fremden Spermas liquidieren. Ebenso, vielleicht etwas schwieriger, wird die schamhafte Einstellung der Frau zur künstlichen Befruchtung eliminiert werden. Dann werden alle notwendigen Voraussetzungen für die organisierte Selektion des Menschen gegeben sein." [36]

"Andererseits muss unbedingt eingeschärft werden, dass eine Sabotierung dieses komplizierten, auf viele Generationen ausgelegten Plans ein antigesellschaftliches Vergehen ist, unmoralisch und eines Mitgliedes der sozialistischen Gesellschaft unwürdig." [37] Männer sollten sich bewusst sein, dass in Zukunft bis zu 10.000 Kinder von ihnen produziert werden und ganze Kommunen werden dann nicht mehr "[...] auf »ihre« Kinder stolz sein, sondern auf ihre Erfolge und Errungenschaften auf diesem zweifellos wunderbarsten Gebiet - dem Gebiet der Schöpfung neuer Formen des Menschen." [38]

Die Reaktion auf Serebrovskijs Artikel war zunächst schwach, vor allem von Seiten der Wissenschaftler war die Kritik gering, die Kommunistische Akademie beklagte sich z.B. nur darüber, dass sich kein Biologe kritisch mit dem Artikel auseinandergesetzt habe. Umso heftiger reagierte jedoch die Öffentlichkeit, die eine Weile brauchte, bis sie von dem Artikel erfuhr. Auf den Höhepunkt brachte es der Satiriker Demjan Bednyj in dem Spottartikel Evgenika in der Izvestija vom 4. Juni 1930: Er schuf ein Bild von Masturbationsbrigaden in ekstatischer Erfüllung der Pflicht und einem bärtigen Genossen Samenspender Chalatov (dem vermeintlichen Direktor der Druckanstalt Gosizdat, die Antropogenetika herausgegeben hatte), dessen Abbilder nun zu Zehntausenden in ganz Moskau herumliefen. Frauen waren zu einem zweibeinigen Brutkasten und das sowjetische Volk zu einem gesichtslosen Genofond geschrumpft.[39]

Serebrovskij war in seiner Euphorie zu weit gegangen und provozierte die politisch unterstütze Auflösung der Eugenik in der Sowjetunion. Der Artikel Bednyjs war dabei der einzige äußerliche Fakt, an dem man das Ende der eugenischen Bewegung festmachen kann. Ohne irgendwelche Verurteilungen oder Angriffe musste so 1930 von einem Tag auf den anderen das Russische Journal für Eugenik seine Publikation einstellen und Forschungsarbeiten unter dem Titel Eugenik wurden verboten. Die Ablösung der Eugenik war aber auch ein Effekt des Velikij perelom, der Kulturrevolution Stalins, die vor allem bürgerliche Elemente traf, einer Beschuldigung von der sich die sowjetische Eugenik immer noch nicht befreit hatte. Als »bürgerliche Vertreter« verloren Kol'cov und Filipčenko beide 1930 ihre Lehrstellen an der Universität.[40] Deutlich wurde die politische Einstellung gegenüber der Eugenik auch in einem Artikel in der Großen Sowjetischen Enzyklopädie. "Eugenics [was defined] as the bourgeois doctrine of the biological improvement of the human race". Weiter wurden Kol'cov und Filipčenko darin als Faschisten und Men'ševisten entlarvt.[41]

Trotzdem konnten viele ehemalige Anhänger der Eugenik ihre Arbeit, als »Genetiker« fortsetzen. So wurden Anfang der dreißiger Jahre die erste »mediko-eugenische Beratungsstelle« in Moskau eröffnet, "[...] sie beriet Epileptiker-Familien bei der Heirat und Schwangerschaft, vermittelte eugenische Abtreibungen und Sterilisationen und ermittelte die angeblichen Überträger in der Familie" [42] Auch gab es große Untersuchungen im Bereich der Zwillingsforschung, so z.B. in einem Heim in Moskau in dem bis 1934 mit über 800 Zwillingspaaren experimentiert wurde.[43] Ein Vorteil für die eugenische Bewegung war es nach ihrer »Zerschlagung«, dass sie nicht in einem Institut angesiedelt war, sondern in vielen Bereichen »interdisziplinär« arbeitete.

Die Leitung von Filipčenkos Institut übernahm nach dessen Tod an Meningitis 1930 der Kulturpflanzenforscher Nikolaj I. Vavilov (1887-1943), der durch seine Einflüsse in hohe Politikerkreise die Genetik, zumindest noch für eine Zeit lang, am Leben erhalten konnte.[44] Auch staatlich wurde die Genetik noch nicht grundsätzlich boykottiert, so konnten Solomon Levit und Israel Agol im Mai 1930 noch für Stipendien der Rockefeller Foundation nominiert werden und für genetische Studien zu Muller in die USA reisen.[45] Durch Levit wurde Muller auch noch einmal mit dem Gedanken »infiziert«, seine eugenischen Pläne in einem sozialistischen Land umzusetzen.

Die Situation zu Beginn der 30er Jahre in der Sowjetunion war sehr uneinheitlich und es fehlten für die Biologie zunächst noch klare Richtlinien und Normen, was erlaubt und was verboten war. Die Eugenik als Forschungsgebiet war verschwunden, hatte sich aber als Genetik in manchen Instituten und Forschungseinrichtungen halten können. Für die verbliebenen Genetiker war es ein ständiger Kampf ums Überleben und man wusste nicht, wie lange man noch weiterarbeiten konnte. Zu diesem denkbar ungünstigen Zeitpunkt kam Hermann Joseph Muller, bzw. German Germanovič Mëller, wie er dort hieß, 1933 in die Sowjetunion.

  

Sozialistische Utopien - Muller in Russland

 

Hermann Joseph Muller (1890-1967), dessen Vater aus Enttäuschung über die deutsche Revolution 1848 in die USA ausgewandert war, hatte in Columbia Biologie studiert und begann seine Forscherkarriere schon 1909/10 in einem Team des berühmten klassischen Genetikers Thomas Morgan (1866-1945). Morgan versuchte anhand verschiedener Kreuzungsversuche mit Mäusen (später mit Drosophila) ein Grundgerüst für die klassische Genetik aufzubauen und entwickelte dabei Weismanns Theorie der Unveränderlichkeit des Keimplasmas weiter. Man ging nun davon aus, dass das Erbmaterial  durch gewisse Prozesse beeinflussbar sei. In Morgans Labor wurden erste Genkartierungen unternommen sowie der Austausch von Chromosomenstücken bei der Reifeteilung (Crossing-over) untersucht, wofür Morgan 1933 den Nobelpreis erhalten sollte.[46] Wichtigstes Resultat dieser Arbeiten war es, dass die Übereinstimmung zwischen der Chromosomentheorie der Vererbung und den Mendelschen Regeln bewiesen werden konnte.[47] Muller entwickelte schon während dieser Arbeit erste Ideen zu eugenischen Plänen, um die biologische Qualität der Menschheit zu verbessern.[48] Nach einem kurzen Vortrag 1910, konnte er diese Pläne erstmals 1925 ausführlicher in einer Vorlesungsreihe der Öffentlichkeit vorstellen.

Aufgrund seiner eugenischen Schlussfolgerungen aus den Arbeiten mit Drosophila, kam es zu Differenzen mit dem Projektleiter Morgan, der ihn 1915 vor die Türe setzte. Muller blieb als Genetiker nicht ohne Erfolg und erreichte durch langjährige Experimente 1927 künstliche Mutationen (Transmutationen), indem er Rutherfords Ansatz, stabile Atome durch radioaktiven Beschuss in neue Atome zu zertrümmern, erfolgreich auf seine Fliegen übertrug.[49] Für Muller war somit klar, dass Gene und Atome die "[...] beiden Grundpfeiler unserer Regenbogenbrücke zur Macht[...]" werden.[50] Die Ergebnisse dieser Untersuchungen, die meist nur letale Fliegen hervorbrachten, als »experimentelle Evolution« zu bezeichnen, wurde jedoch auch kritisiert. Es wurde kritisiert, dass künstliche Mutationsauslösung nicht mit der spontanen zu vergleichen sei, was sich daran zeige, dass sich vor allem negative Gene durchsetzten.[51]

Muller hegte schon damals den Gedanken, seine eugenischen Pläne notfalls in einem sozialistischen Land umzusetzen, da sich die eugenische Bewegung in den USA für ihn vor allem durch Rassenhass und Profitgier auszeichnete. Nach einem ersten Besuch in der Sowjetunion 1924 engagierte er sich mehr und mehr in sozialistischen Kreisen, was kurz vor seiner entgültigen Ausreise nach Deutschland und dann in die Sowjetunion dazu führte, dass sogar das FBI ein Auge auf ihn werfen ließ. Nach seinen anfänglichen wissenschaftlichen Erfolgen war der Beginn der 30er Jahre für Muller von verschiedenen Krisen geprägt. Es kam zu Zerwürfnissen mit den anderen amerikanischen Genetikern und der rein ökonomisch orientierten Eugenik, zu einer Ehekrise, zu einem Selbstmordversuch und, zu der bereits erwähnten, Beobachtung durch das FBI.

All dies zusammen ließ ihn die Entscheidung fällen am 5. September 1932 nach Deutschland auszuwandern, wo er ab November in Berlin-Buch am Kaiser-Wilhelm-Institut für Gehirnforschung mit dem berühmten russischen Genetiker Timofeev-Resovskij zusammenarbeitete. "Muller also brought his dreams of socialism with him, hoping that he could help the world achieve some of the successes in a rational, planned society which Solomon Levit and Israel Agol had described for him when they spend a year in his Texas laboratory  […]" [52] Von den aktuellen Entwicklungen in Deutschland hatte Muller wenig Kenntnisse und er nahm Hitler Ende 1932 noch nicht wirklich ernst. Muller glaubte an einen Sieg der deutschen Kommunistischen Partei, der ihm ein »sozialistisches Forschen« in Deutschland ermöglichen würde. Ähnlich unterschätze er später in Russland Stalin.[53] Nach dem Reichstagsbrand Ende Februar 1933 verschlechterten sich die Zustände in Deutschland rapide, auch begannen die eugenischen Sterilisationsprogramme in Deutschland bald nach Mullers Eintreffen, was er, da er kein Befürworter negativer Eugenik war, ablehnte. Aber erst nachdem Muller Zeuge einer Durchsuchung des Institutes in Berlin-Buch nach kommunistischen und jüdischen Mitarbeitern geworden war, erkannte er, dass auch in Deutschland für ihn kein Platz war.[54] In diesem Augenblick erinnerte sich Muller des von Nikolaj Vavilov gemachten Angebotes in die UdSSR zu kommen und dort als Direktor eines genetischen Instituts arbeiten zu können. "The choice was not difficult. The study of genetics in Germany was in ruins and could only get worse. The return to Texas was unthinkable." [55]

Vavilov war einer der einflussreichsten Wissenschaftler der Sowjetunion der 20er Jahren, vor allem hatte er viel Organisationsarbeit für die landwirtschaftlichen Forschungsstationen geleistet. Er hatte Saatgut auf der ganzen Welt gesammelt, Kontakte ins Ausland hergestellt und erhoffte sich von Kreuzungsversuchen neue ertragreichere Pflanzenarten, die das harsche russische Klima vertragen würden. Für diese Versuche war jedoch sehr viel Zeit nötig, da sie auf verschiedenste Faktoren getestet werden mussten, oft zeigte es sich erst nach mehreren Generationen, ob eine neue Art wirklich zu gebrauchen war.[56]

Muller kam im September 1933 mit großen Plänen in die Sowjetunion, was sich schon daran zeigt, dass er mit über 10.000 biologischen Arbeitsgerätschaften, seinem neuen 8-Zylinder Ford, zwei Fahrrädern und weiterer Habe anreiste.[57] Die Startbedingungen in Leningrad waren für ihn ideal. Besonders genoss er es, dass er keine Vorlesungen mehr halten musste und sich so ganz seiner Forschung widmen konnte. Als Mitarbeiter holte er Carlos Offermann und Daniel Raffel aus den USA zu sich. Die Sowjetunion war zu diesem Zeitpunkt in der Erteilung von Visa an Wissenschaftler sehr zuvorkommend. "Muller, in particular, was written up extensively in the Soviet press as a friend of the Soviet Union. His criticisms of the American society and his praise for the lavish support of his research in the USSR fostered the faith of the Soviet citizens that their society was progressive in outlook and accomplishment." [58] Muller war tatsächlich begeistert von den Errungenschaften des Sozialismus und beschrieb und pries immer wieder seine ersten Eindrücke über die Sowjetunion, über die Kollektivierung der Bauern etc.[59] Selbst 1935 zu Beginn der Großen Säuberungen war er immer noch sehr enthusiastisch und begeisterte sich für die Halbierung der Preise durch Stalin, was diesem vor allem Popularitätszuwachs brachte. "All over the land the people are rejoicing because the prices of all foods [...] have just been cut in half. It is almost like doubling wages of those who need it most, and is a great achievement testifying to the power of the system, while Western countries drift towards war." [60]

Mullers Arbeit in der Sowjetunion konzentrierte sich im ersten Jahr, neben dem Halten verschiedener Vorträge, bei Besuchen anderer genetischer Institute außerhalb Leningrads auf seine Forschungstätigkeiten mit Drosophila. Außerdem arbeitete er mit Levit in Moskau zusammen, der dort als Direktor eines Instituts für Humangenetik Zwillingsforschung betrieb.[61] "Soviet medical genetics at the Levit institute, then, constituted a modified version of the eugenics of the 1920s. It conserved essentially the same research agenda, using the same methods and carried out by many of the same people. […] Levit's enterprise grew and prospered. But its success depended on its antifascist ideology, its medical and research orientation, and its absolute dissociation from both »bourgeois eugenics« and the visionary utopian human breeding schemes of Serebrovsky's »Bolshevik eugenics« [Antropogenetika]." [62]

1934, nach einem arbeitstechnisch bedingten Umzug nach Moskau, kam eine neue Aufgabe hinzu. Vavilov bat ihn um Unterstützung bei der Organisation des für 1937 in Moskau geplanten Internationalen Kongresses für Genetik. Obwohl Muller den Zeitaufwand scheute, reizte es ihn, auch der Welt die Errungenschaften der Sowjetunion zu präsentieren.[63] Während der Arbeit für diesen Kongress wurde Muller zunehmend mit dem Konflikt um die Genetik konfrontiert. Als Kompromiss hatte Vavilov die Organisationsleitung, um die Kontorverse zwischen der Genetik und dem Lamarckismus auszugleichen, zusätzlich mit drei Nichtgenetiker besetzt: Einer dieser war Trofim Denisovič Lysenko.[64] "He [Vavilov] hoped to appease Lysenko by supporting his research in an experimental station in Odessa and by paying generalized compliments to Lysenko in his annual reports and in some of his reviews on agricultural genetics." [65] Lysenko war von vorne herein mit der genetischen Ausrichtung des Kongresses unzufrieden, musste sich aber zufrieden geben, da es international fast keinerlei aktuelle lamarckistische Forschung mehr gab.[66] Daran, dass Vavilov Lysenko in das Organisationsteam aufnahm, merkte auch Muller, dass sich die politischen Bedingungen für die Genetik verschlechterten. Jetzt war es vor allem die Vergleiche mit den zunehmenden Exzessen der Rassenhygiene der Nationalsozialisten, die den sowjetischen Genetikern das Leben erschwerten. Muller versuchte deshalb die sowjetische Genetik in ein anderes Licht zu stellen und sich von der Rassenhygiene zu distanzieren. Er mischte sich zunehmend in die Debatte ein, propagierte aber weiterhin, unter anderem unter Berufung auf Lenin, dass eine Verbesserung der genetischen Gesellschaftsstruktur unbedingt von Nöten sei.[67] In einem Brief an Altenburg zog er Parallelen zur Zwangskollektivierung der Bauern in Russland und auch andere Zwangsmassnahmen (wie in Nazideutschland oder den USA) lehnte Muller nicht grundsätzlich ab, "[...] wenn denn eugenische Beratung und künstliche Befruchtung mit ausgewählten Spendersamen von sowjetischen Frauen zu wenig in Anspruch genommen würde." [68] Aber gerade Mullers erneutes Heraufbeschwören alten Gedankengutes der eugenischen Bewegung war das ideale Klima, um Lysenko und seiner Lehre Auftrieb zu geben.

  

Die Erziehung der Pflanze - Lysenkos Aufstieg

 

Trofim Denisovič Lysenko wurde 1898 in einem kleinen Dorf namens Karlovka in der Ukraine (Oblast' Poltava) geboren. Obwohl er sehr spät lesen und schreiben lernte, schaffte er es, nach verschiedenen Schulbesuchen 1921 für einige Jahre das landwirtschaftliche Institut in Kiev zu besuchen.[69] Dass er den Aufstieg in das Institut und später in die höheren Wissenschaftskreise schaffte, lag daran, dass nach der Revolution besonders die Unterschicht sehr gefördert wurde. "[…] Lenin, and after him, Stalin did everything possible to train cadres of a new intelligentsia, intended to replace the specialists trained under the tsarist regime. Since the new leaders adhered to the class approach and considered that the so-called "bourgeois specialists" were for the most part hidden enemies of the new order, there was a drive to train persons of worker or peasant origin (the so-called red intelligentsia)." [70] Für Lysenko wurde so plötzlich zum Vorteil, was ihn bisher ständig gehindert hatte: die Herkunft aus einer armen Bauernfamilie.

Während er noch in Kiev studierte, arbeitete er gleichzeitig in Belaja Cerkov in einer Pflanzenzuchtstation. Kurz nach Beendigung seiner Diplomarbeit 1925 ging er nach Aserbaidschan in den Kaukasus, wo er an einer landwirtschaftlichen Experimentierstation in Gandša (heute Kirovobad) eine Stelle bekam. Er erhielt dort den Auftrag, Bohnen als Gründünger zu akklimatisieren, d.h. durch langwierige Kreuzungsversuche dem harschen Klima anzupassen. Dank der milden Winter 1925 und 1926 erzielte Lysenko eine gute Vegetationsmasse, die Ergebnisse seiner Experimente waren somit positiv. Mehr oder weniger durch Zufall, sowie bedingt durch Lysenkos einfache Herkunft, wurde sein erstes Experiment 1927 ausführlich in einem Artikel in der Pravda beschrieben. Lysenko wurde darin sehr ironisch als der große Entdecker dargestellt, der die Bauern Aserbaidschans von ihren alltäglichen Sorgen befreit.[71] Ohne diese Untersuchungen wissenschaftlich abzuschließen, begann er 1926 neue Untersuchungen, diesmal zur Wirkung niedriger Temperaturen auf Pflanzen (Weizen, Roggen, Hafer, Gerste, Hirse und Baumwolle). Im Zusammenhang mit dieser Arbeit entstanden seine ersten Gedanken zur sogenannten Jarovisation, der Aussaat von Winterweizen im Frühjahr und der von ihm vertretenen »Verwandlung der Arten«. Durch mehrjähriges Wiederholen dieser Prozedur sollte Winter- in Sommerweizen »umerzogen« werden, der dann keinen tiefen Frösten mehr ausgesetzt wäre.[72] Durch Versuche auf der Kolchose seines Vaters erreichte Lysenko bald solch einen Bekanntheitsgrad, dass er trotz mehrfacher Kritik und nicht vollendeter Forschung eine große Pressekampagne zu diesem Thema auslösen konnte.[73] Da die Station in Gandša direkt Vavilov, dem späteren Freund und Förderer Mullers, unterstand, hörte dieser schnell von den Arbeiten Lysenkos und war von Lysenkos Arbeitsergebnissen zum Teil beeindruckt, da er selber komplizierte Kreuzungsversuche zwischen einheimischen und ausländischen Arten mit wenig Erfolg durchgeführt hatte. "[…] Suddenly, there appeared a man who confidently declared that he could solve a far more complex problem – the conversion of winter into spring crops by vernalization (cold treatment)." [74]

Vavilov erkannte erst 1936 nach den Groβen Säuberungen  und Lysenkos scharfen ideologischen Angriffen gegen die Genetik und die Chromosomentheorie der Vererbung, dass dessen wissenschaftliche Theorie in vielen Bereichen falsch und vor allem für die Landwirtschaft von verheerenden Folgen war.[75] Da war es jedoch bereits zu spät, Stalin hatte an Lysenko Gefallen gefunden. "Während die Genetiker, die für ihre Neuzüchtungen Jahrzehnte veranschlagten, und die studierten Intellektuellen im allgemeinen, [Stalin] immer suspekter wurden, sah er in Lysenko einen gefügigen Mann aus dem Volk, der an der täglichen Praxis auf dem Feld lernte und schnelle Lösungen versprach." [76] Lysenko und seine Anhänger bauten in den folgenden Jahren ihre Ansichten als »Mičurinismus« weiter aus, und bezogen sich dabei auf den autodidaktischen russischen Pflanzenzüchter Ivan V. Mičurin (1855-1936). Anknüpfend an ihn nennt Lysenko die neue Leitlinie der Biologie »mičurinschen oder schöpferisch-sowjetischen Darwinismus«. Mičurin, bis dahin auβerhalb der Sowjetunion wenig bekannt, hatte sich mit Obstbaumzüchtung beschäftigt und ca. 300 neue frostfeste Obstsorten durch vegetative Hybridisation geschaffen.[77] Er entwickelte ein sogenanntes »Mentorverfahren«, nachdem aufgepfropfte Pflanzenteile den Träger des Pfropfes »erziehen« sollten. Im Westen wurde er durch eine Kreuzung zwischen Apfel und Birne, der »Bergamotte-Renette«, bekannt, eine Obstart, die auch in Sibirien angebaut werden konnte.[78] Dass er nun als Vater der neuen Lehre herhalten musste, lag vor allem daran, dass Lysenko seine pseudowissenschaftlichen Theorien auf einer gewissen Tradition aufbauen wollte. "Mitchurinism found favour in the Party because it combined a nationalist pride in a Soviet-originated science with an appeal to two large sectors of the public. The peasants and collective farmers appreciated and quickly understood a system which promised to alter plants to their needs in one or two generations; Mendelism, […] was too complex, to sophisticated, and too slow-working to be of value to the immediate problems of Soviet agriculture." [79] Aber auch auf Karl Marx konnte sich Lysenko berufen, der über Darwins Buch On the Origins of Species schrieb: "Obgleich grob englisch entwickelt, ist dies das Buch, das die naturhistorische Grundlage für unsere Ansicht enthält".[80] Lysenko interpretierte Darwin dahingehend, dass Artentstehung bzw. -wandel durch Umwelteinflüsse und nicht durch zufällige Mutationen ausgelöst wird.

Neben den Vorwürfen, die sich auf die eugenische Vergangenheit bezogen, kamen die Genetiker so vor allem von Seiten der Landwirtschaft unter Druck, da die schlecht ausgebildeten Züchter die komplizierten Vererbungsmechanismen nicht verstanden. Vor allem Vavilov konnte und wollte auch keine schnellen Ergebnisse versprechen, im Gegenteil, er veranschlagte 1936 noch mindestens fünf Jahre bis es zur Aussaat neuer Sorten kommen würde. "What worried Vavilov was not their claim that Mendelism was wrong in principle, but that its use in agriculture was an act of sabotage. These fears grew when Vavilov himself was actually accused of sabotaging the potato crop in 1937." [81]

Aber wichtiger waren für den Aufstieg Lysenkos, neben den mangelnden Erfolgen in der praktischen Pflanzenzüchtung, die beängstigenden Phantasien zur Menschenzüchtung. "Es drängt sich daher der Eindruck auf, dass Lysenkos Lehren erst in der Auseinandersetzung um die Eugenik-Vorstellungen der führenden sowjetischen Genetiker den politischen Rückenwind, die Unterstützung durch sowjetische Biologen und den theoretischen Unterbau erhielten, um als »Lysenkoismus« schließlich zur offiziellen Vererbungslehre der Sowjetunion zu avancieren und praktisch das Verbot der Genetik herbeizuführen." [82]

Blickt man auf die Situation in der Sowjetunion in den 30er Jahren, so fällt auf, dass in allen Lebensbereichen eine Normsetzung stattfand. Dies galt neben der Literatur, Kunst und Musik, letzten Endes auch für die Naturwissenschaften. Stalin persönlich verlangte solch eine eindeutige Norm für die Biologie, die damals als Widerstandsnest und für freie Entwicklung der Wissenschaft eintretende heterogene Forschergruppe in Erscheinung trat. Dieses teilweise noch bürgerliche Lager galt es in Stalins Gesamtkunstwerk[83] einzugliedern. Die Theorien Lysenkos bedeuteten eine direkte Einflussnahme auf die Entwicklung der Gesellschaft, ja des einzelnen Menschen, da man ihn über kurze Zeit zu dem »erziehen« konnte, wozu man ihn brauchte. Mit Beginn der Großen Säuberungen kam die Abrechnung mit den immer noch »bürgerlich« geprägten Forschern hinzu und zumindest bis zur Unterzeichnung des Hitler-Stalin-Paktes 1939 war jegliche Idee, die an deutsche Rassenhygiene erinnerte, in der Sowjetunion ein gefährliches Unterfangen. Dass es dennoch zu einem Widerbelebungsversuch der Eugenik durch Hermann Muller kam, ist mit Sicherheit auch auf sein fehlendes Einfühlungsvermögen, in die überaus komplizierten Verhältnisse in der Sowjetunion dieser Zeit zurückzuführen.

  

Lieber Genosse Stalin! - Muller greift ein

 

Wie weiter oben erwähnt, hatte Muller bereits als Neunzehnjähriger erste Gedanken zu eugenischen Zuchtmaßnahmen niedergeschrieben. Aber erst während seines Aufenthaltes in der Sowjetunion war die Zeit gekommen, dies noch einmal aufzugreifen und in Buchform herauszugeben. 1935 wurde sein Werk Out of the Night: A Biologist's View of the Future[84] von der Sowjetunion aus in den USA und in Großbritannien auf den Markt gebracht, wo es sich, besonders in Großbritannien, gut verkaufte. "Muller offenbart in seiner legendär gewordenen und von vielen seiner Kollegen begeistert aufgenommenen Zuchtutopie ein Menschenbild, in dem die Komplexität des Menschen, seiner Sozialisation, seiner Gesellschaft usw. nur noch als Ausfluss genetischer Determinanten gesehen wird, und das von allen Widersprüchlichkeiten, Unbestimmtheiten, Spontaneitäten und Geheimnissen, die menschliches Leben ausmachen, bereinigt ist. Der unter wissenschaftlicher Anleitung aus selektierten Keimzellen fabrizierte [...] Mensch ist gesichtslos und ein bloßes Gefäß seiner Gene." [85] Von besonderer Bedeutung ist in Mullers Werk vor allem das letzte Kapitel Birth and Rebirth, in dem er auf seine Besamungspläne, die Neugestaltung der Familie und ähnliches eingeht. "It is easy to show that in the course of a paltry century or two (paltry considering the advance of the question) it would be possible for the majority of the population to become of the innate quality of such men as Lenin, Newton, Leonardo, Pasteur, Beethoven, Omar Khayyám, Pushkin, Sun Yat Sen, Marx […] or even to possess their varied faculties combined." [86] Paradox erscheint es, dass z.B. Beethoven in dieser Liste steht, obwohl sein Vater schwerer Alkoholiker war, seine Mutter an Schwindsucht starb und Beethoven selbst früh ertaubte.[87]

In Russland wurde das Buch nicht veröffentlicht, Muller hatte dort andere Pläne: Er ließ das Buch übersetzen und sandte es, begleitet von einem langen Brief, an Stalin persönlich. Er erhoffe sich, dass dieser Partei für ihn ergreifen und seine eugenischen Pläne fortan in der Sowjetunion als »Staatsdoktrin« durchsetzen würde. Der Brief wurde im Mai 1936 geschrieben, aber erst nach der Übersetzung des Buches Anfang 1937 an Stalin ausgeliefert. Zur Übersetzung und Überbringung des Buches an Stalin hatte ihm Solomon Levit geraten, da Mullers Theorien nur so wahrgenommen werden würden. Die Frage, ob Stalin das Buch erhalten bzw. überhaupt gelesen hat, ist jedoch umstritten. Ludger Weß schreibt, dass Stalin das Buch offiziell nicht zu Kenntnis nahm.[88] Elof Charlson schreibt dagegen, mit Bezug auf einen späteren Brief Mullers, dass Stalin das Buch Anfang 1937 las. Stalin "was displeased by it, and has ordered an attack prepared against it." [89] Dafür, dass Stalin das Buch oder zumindest den Brief gelesen hat, spricht die Auffindung des Briefes nach der Perestroika im »Stalin-Archiv« (heutiges »Archiv des Präsidenten der Russischen Föderation«).[90]

Den Verlauf der Dinge vorausahnend, greift Muller in dem Brief die »Vererbung erworbener Eigenschaften« auf und verspricht Stalin schon innerhalb kurzer Zeit großen biologischen Menschenreichtum, geschaffen durch die Einflüsse von Gesellschaft, Umwelt und Genetik: "Через 20 лет уже будут весьма знаменательные результаты, способствующие благу народа. И если к этому времени капитализм все еще будет существовать за нашими границами, это биологическое богатство наших молодых кадров уже и так громадное в результате воздействия общества и среды, но еще дополнено и средствами генетики, не может не создать весьма значительных преимуществ для нас." [91]

Für die Produktion des Buches hat Mark Adams nachweisen können, dass das wichtigste Kapitel Birth and Rebirth mit Ausführungen zu den künstlichen Besamungsplänen in großen Teilen von Serebrovskijs Antropogenetika, wenn nicht abgeschrieben, so doch in den wesentlichen Gedankengängen übernommen wurde. Dafür spricht unter anderem, dass keinerlei Konzepte Mullers für dieses Kapitel, jedoch für alle anderen Kapitel gefunden wurden. Es ist anzunehmen, dass Muller über die Rezeption von Antropogenetika in der Sowjetunion Bescheid wusste. Ob er deshalb auf einen Verweis auf Serebrovskij verzichtete oder die Gedanken als seine eigenen »verkaufen« wollte bleibt unklar. Wahrscheinlich ist, dass er glaubte, dass die selben Gedanken mit einem genetischen, statt eugenischen Hintergrund andere Reaktionen hervorrufen würden. Dies war jedoch nicht der Fall.

Ausgelöst durch Mullers Aktivitäten wurde den Hoffnungen der Genetikern durch Stalin nach und nach ein Ende gesetzt. Als erstes ließ er den geplanten 7. Internationalen Genetiker-Kongress, der 1937 in Moskau stattfinden sollten, durch Molotov absagen, was vor allem für Vavilov einen harten Rückschlag bedeutete.[92] Statt dessen wurde im Dezember 1936 eine großen Konferenz der All-Unions-Akademie der Agrarwissenschaften abgehalten, auf der es zu einem ersten Showdown zwischen Genetikern und Lysenkoisten kam. Als Hauptredner für diesen Kongress waren Vavilov, Lysenko, Serebrovskij und Muller bestimmt worden. Vavilov und Serebrovskij hatten Muller vor dem Kongress immer wieder eingeschärft, jede Konfrontation zu vermeiden und auf keinen Fall auf eugenische oder vererbungstechnische Fragen einzugehen. Muller ignorierte diese Warnung und versuchte, nach den für ihn unerträglichen Vorträgen der Lysenkoisten, das Ruder herumzureißen. Dabei versuchte er vor allem die Lysenkoisten mit ihren eigenen Waffen zu schlagen. "Wenn die Lebensumstände das Erbgut so schnell und nachhaltig beeinflussen könnten, wie Lysenko und die Lamarckisten glauben machten, müssten das internationale Proletariat und alle unterdrückten Völker tatsächlich genetisch so minderwertig sein, wie Rassisten und Faschisten es behaupten." [93] Muller hatte trotz der Logik des Arguments übersehen, dass schon Filipčenko 1925 mit eben dieser Argumentationsweise enorme Probleme erhalten hatte, da man nicht Lysenko, sondern den Kommunismus als Ganzes angriff bzw. sogar in Frage stellte.[94]

So löste Mullers Vortrag, in dem er weiter aufzeigte, dass Lysenko es gerade einmal geschafft hatte ein einziges Korn von Winter- in Sommerweizen umzuwandeln, einen Sturm der Empörung aus. Muller musste sich öffentlich entschuldigen und in den Veröffentlichungen zu der Konferenz wurden seine Aussagen getilgt. Wahrscheinlich ebenso in direkter Folge wurde Serebrovskij gezwungen, seine Aussagen von 1929 in Antropogenetika zu widerrufen: My book "[...] presents a whole series of the crudest political, anti-scientific, and anti-Marxist mistakes, which I now find painful to remember." [95] In der Abschlussrede des Kongresses wurden Vavilov, Muller und Serebrovskij als Antidarwinisten beschimpft und ihre Forschungsprogramme als »eingebildet und eng« bezeichnet.[96]

Für Muller war es der letzte große Auftritt in der Sowjetunion. Die Lage spitzte sich zu, als Solomon Levit verhaftet wurde und verschwand. Auch Israel Agol verschwand kurze Zeit später und wurde umgebracht. Vavilov, der sich um Mullers »Gesundheit« sorgte, riet ihm nicht nach deren Verbleib zu fragen.[97] Für Muller war es schwierig, das Land fluchtartig zu verlassen, da er so weitere Kollegen in Schwierigkeiten gebracht hätte. Es war letzten Endes Vavilov zu verdanken, dass es Muller im März 1937 gelang, als freiwilliger Arzt mit einer Internationalen Brigade im Kampf gegen Franco nach Spanien auszureisen.[98] Der Aufenthalt dort dauerte 8 Wochen, danach hatte sich Muller sozusagen »reingewaschen« (man berichtete sogar in einer Moskauer Zeitung positiv über seinen Einsatz für den Sozialismus) und kehrte nach Moskau zurück, um seine Wohnung aufzulösen und die Sowjetunion für immer zu verlassen. Immer noch hatte er Angst für Out of the night und seinen Brief an Stalin, verhaftet zu werden.[99]

Besonders tragisch-ironisch ist an Mullers Geschichte, dass er mit seinem eugenischen Gedankengut in den USA vor einer »rassistischen Gesellschaft«, in Deutschland vor dem Faschismus und nun auch in der Sowjetunion vor dem Stalinismus geflohen war. Nach dem Ende des zweiten Weltkrieges konnte er in den USA an seine alten Ideen anknüpfen, ohne jedoch jemals die Chance zu deren Umsetzung zu erhalten. 1946 erhielt er, reichlich verspätet, den Nobelpreis für die Entdeckung der künstlichen Mutationsauslösung.[100]

  

Die Zerschlagung der Genetik - Lysenkoismus als Staatsdoktrin

 

Für die russischen Wissenschaftler, die nicht einfach ins Ausland fliehen konnten, begann der eigentliche Kampf mit Lysenko jetzt erst richtig. Der Konflikt eskalierte zwischen Vavilov und Lysenko. Es kam soweit, dass Lysenko Vavilov als Feind der sowjetischen Wissenschaft anzeigte, was nach einem erbitterten Kampf 1940 zu Vavilovs Gefangennahme und 1943 zu seinem tragischem Tod führte.[101] Als Nachteil erwies sich für Vavilov immer wieder, dass er nur mit wissenschaftlichen Argumenten kämpfen und seine Arbeit nicht politisieren wollte. Die wissenschaftliche Arbeit Lysenkos wurde zu dieser Zeit immer dürftiger. "Lysenko und Present[102] warfen die klassische Theorie der Vererbung ganz über den Haufen, indem sie behaupteten, die Vererbung sei eine allgemeine Eigenschaft der lebenden Materie, die von Generation zu Generation weitergegeben werde und deswegen keines gesonderten genetischen Apparates bedürfe, der sich in den Chromosomen finde." [103] Im Jahre 1938 übernahm Lysenko als weiteren Schritt in seiner steilen Laufbahn den Posten des Präsidenten der Landwirtschaftsakademie.[104]

Sämtliche Versprechen Lysenkos dieser Zeit blieben dabei unerfüllt. So schafft er weder neue Weizensorten die man in Sibirien hätte anbauen können, noch brachten die Anbauänderungen mit Hilfe der Jarovisation Ertragssteigerungen. Bedingt durch die extreme Zerstörung der sowjetischen Landwirtschaft während des 2. Weltkrieges, die darauffolgenden, teilweise auch durch Lysenko verschuldeten Hungersnöte und seine fehlenden Konzepte für einen Neubeginn, machte sich nach 1945 unter den verbliebenen Wissenschaftlern »alter Schule« noch einmal öffentliche Kritik gegen Lysenko und seine Theorien breit. Dies vor allem nachdem er soziologische und biologische Aspekte immer mehr vermischte und mit seiner Kritik an der »innerartlichen Konkurrenz« schließlich auch seinen »Vordenker« Charles Darwin angriff.[105] Nicht wenige der noch verbliebenen, besonders der jungen Wissenschaftler, glaubten damals, dass ein Ende der Irrlehren Lysenkos nahe sei. Unterstützung fanden sie bei westlichen Wissenschaftlern, die die Genetik ohne Rückbezüge auf die Eugenik besonders in Amerika weiterentwickelt hatten.

Alle Hoffnungen waren jedoch zu früh, denn Lysenkos Taktik, sich diesen Angriffen zu entziehen, war überaus klug. Er wendete sich ähnlich wie Muller direkt an Stalin und bat darum, ihn vom Posten des Präsidenten der Landwirtschaftsakademie zu entbinden, da er in der Vergangenheit fast keine Zeit mehr gefunden hätte, die Richtigkeit der Mičurinschen Biologie durch praktische Arbeit zu beweisen und er nun befürchte, dass die Weismann-Mendel-Morganisten mit ihren falschen und verhängnisvollen Lehren einen Rückfall für die sowjetische Biologie erzwingen könnten. "He represents himself as an unfortunate little lamb against whom the reactionary geneticist-wolves are sharpening their fangs." [106] Dass Stalin Lysenkos Brief und Anliegen zur »Chefsache« erklärte, ist wahrscheinlich darauf zurückzuführen, dass er von Lysenkos Bescheidenheit (Rücktritt für das Wohl der Wissenschaft) und seiner klaren Positionierung gegen die Genetik beeindruckt war. Dies unterschied seinen Brief von dem Mullers, der statt einer klaren Positionierung sogar eine Vermischung von Genetik und Lysenkoismus angedeutet hatte.

Zugute kam Lysenko auch, dass Stalin ihm 1946 einige Körner einer sich verzweigenden Weizenart gegeben hatte, um zu erforschen, ob daraus eine ertragreiche Sorte gezüchtet werden könnte. Es war zu diesem Zeitpunkt unter Wissenschaftlern bekannt, dass solche Weizensorten keine Vorteile bringen, da die einzelnen Pflanzen weiter voneinander entfernt stehen müssen, die Körner weniger Klebergehalt haben und pilzbrandanfälliger sind als normaler Weizen, folglich also keine Ertragssteigerungen zu erzielen sind.[107] Lysenko willigte trotzdem ein und meldete Stalin im Juli 1948 bei einer Audienz, gerade als der Boden unter seinen Füßen unsicher wurde, erste Erfolge in der Züchtung und bat um Erlaubnis diese Sorte Stalinweizen nennen zu dürfen. Paradoxerweise hatte er bis zu diesem Zeitpunkt keinerlei Erfolge mit dieser Weizensorte erzielt und von ersten Freilandversuchen war man weit entfernt.

Rechzeitig zu der berühmt gewordenen großen Tagung der Landwirtschaftsakademie im August 1948 in Moskau sprach Stalin Lysenko volle Unterstützung aus und griff in den Verlauf der Dinge ein. Demokratische Wahlen für neue Mitglieder der Akademie wurden umgangen und statt dessen, von Stalin persönlich 35 weitere Wissenschaftler zu Mitgliedern der Akademie ernannt, die alle Unterstützer Lysenkos waren.[108] Die Tagung war eine der größten wissenschaftlichen Versammlungen jener Zeit in der Sowjetunion, es kamen ca. 700 Wissenschaftler aus den unterschiedlichsten Disziplinen. Viele von ihnen erhofften dort zu erfahren, in welche Richtung sie weiter forschen sollten und durften bzw. ob sich die Theorien Lysenkos als richtig erwiesen hätten. Nach einem einleitenden Vortrag von Lysenko über Die Situation in der biologischen Wissenschaft, der einem Rundumschlag gegen die Genetik glich, folgten in der darauffolgenden Woche weitere Kurzvorträge und vor allem ausführliche Diskussionen. Viele Genetiker und Pflanzenforscher, die die Gefahren in Lysenkos Lehre erkannt hatten, sahen, dass es zum »letzten Gefecht« gekommen war. Einige verteidigten sich, andere, weniger standhafte, widerriefen ihre früheren Aussagen und glichen sich der offiziellen Meinung an. Durch eine Veröffentlichung der Rede Lysenkos in allen Organen der zentralen Partei-Presse wurde dafür gesorgt, dass die neue Staatsideologie die ganze Sowjetunion, also ca. 60-70 Millionen Menschen, erreichte.[109]

Dokumentiert wurde die Tagung anhand von Stenografieaufzeichnungen. Neben dem Wortlaut der Vorträge und Diskussionen wurden in dem über 400 Seiten starken Bericht auch Gefühlsausbrüche aus dem Auditorium (»Gelächter«, »Beifall«, »Lärm im Saal«, »stehende Ovationen« etc.) aufgezeichnet. Für die Wissenschaftler die Lysenkos Lehre nicht unterstützten kam die Tagung einem Verhör gleich, jeweils zu Ende ihrer Vorträge wurden sie gefragt, ob sie die Vererbung erworbener Eigenschaften oder die Chromosomentheorie der Vererbung für richtig halten. "Dass dieser stenografische Bericht wirklich, wie angegeben, ungekürzt ist, zeigen Diktion und Systematik des dicken Bandes. Er mutet an wie das Drehbuch zu einem Alptraum [...]." [110] Die Lektüre dieses Berichtes eröffnet einen tiefen Einblick über die enge Verknüpfung von Wissenschaft, Ideologie und Politik in der Sowjetunion.[111]

Betrachtet man die wissenschaftlichen Inhalte, so sind diese mager, besonders Lysenkos Vortrag brachte nichts Neues. Er stelle zum wiederholten Male die größtenteils gefälschten Ergebnisse seiner früheren Arbeiten dar. "Die Rede des Akademie-Präsidenten hatte ein absolut niedriges wissenschaftliches Niveau, enthielt massive pseudowissenschaftlich-ideologische Polemik und war, wie am Beginn der Diskussion gleichsam als Vorwarnung von Lysenko festgestellt wurde, vom Zentralkomitee und von J. W. Stalin persönlich geprüft und von ihm gebilligt worden." [112] Teilweise hat Stalin den Vortrag direkt umgeschrieben, so wie er Lysenko auch Ratschläge für seine Forschung und Anbaumethoden gab.

Der Vortrag Lysenkos war in neun Teile aufgeteilt. Nach einer allgemeinen Einleitung, die die »wichtige Rolle der Genetik« (sic!) für die Sowjetunion hervorhob, trugt er einen Abriss der Geschichte der Biologie vor. Neben einer konsequenten Ablehnung Morgans, Weismanns und Mendels, die er als die Begründer der reaktionären, »formalen« Genetik darstellte, begründete Lysenko, wie er mit seiner neuen Biologie an Darwin und Lamarck anknüpfen wollte. Allerdings kritisierte er wesentliche Punkte des Darwinismus, vor allem die Übernahme der »Theorie der innerartlichen Konkurrenz« von Thomas R. Malthus (1766-1834).[113] Nach Lysenkos Ansicht ist die "[…] materialistische Entwicklungstheorie der lebenden Natur undenkbar ohne Anerkennung der Vererbung der vom Organismus unter den bestimmten Bedingungen seines Lebens erworbenen individuellen Merkmalen. Sie ist undenkbar ohne Anerkennung der Vererbung erworbener Eigenschaften." [114] Lysenko spaltete die Biologie in zwei Welten. Die Anhänger der feindlichen Richtung akzeptierten seiner Meinung nach keinerlei Veränderung der Erbsubstanz: "Demnach kennt nach Weismann die Vererbungssubstanz keine Neubildung. Bei der Entwicklung des Individuums kennt sie keine Entwicklung und kann keinerlei bedingte Veränderung erfahren." [115] Im Sinne dieser Teilung sei seine eigene Lehre materialistisch-didaktisch, die Lehre seiner Gegner dagegen metaphysisch-idealistisch. Die Ausführungen Weismanns und Morgans, die Lysenko aus einer alten amerikanischen Enzyklopädie zitierte und auf die er sich berief, waren tatsächlich problematisch und falsch, jedoch übersah Lysenko bewusst, dass sie längst überholt waren und von keinem Wissenschaftler dieser Zeit vertreten wurden.

Anhand einer Zusammenstellung von Helmut Böhme seien im Folgenden die zentralen Aussagen aus Lysenkos Vortrag noch einmal zusammengefasst:

1.      Die Vererbung ist eine Eigenschaft des gesamten Organismus. Es existieren keine diskreten Erbanlagen oder Gene.

2.      Durch veränderte Umwelt- und Lebensbedingungen können erbliche Veränderungen induziert werden. Der Charakter der Veränderungen ist dem Charakter der induzierenden Bedingungen adäquat.

3.      In der Auseinandersetzung mit den Umweltbedingungen erworbene Eigenschaften werden vererbt.

4.      Bei Pflanzen können gezielte Veränderungen durch Pfropfung im Prozess der vegetativen Hybridisation induziert werden; es besteht kein prinzipieller Unterschied zur sexuellen Hybridisation.

  1. Durch Aufzucht von Winterformen ohne Kälteschock können bei Getreide erbliche Sommerformen erzielt werden (Jarovisation).[116]

Diese Punkte versuchte Lysenko mehr oder weniger »wissenschaftlich« zu beweisen, die Artumwandlung von Weizen in Roggen, Gerste oder Hafer oder die Ansiedlung von Bananen in Russland konstatierte er, ohne wissenschaftliche Beweise zu erbringen.

Die Folgen der Tagung waren verheerend, so verschwanden über 3000 weitere Wissenschaftler von ihren Arbeitsplätzen. "Lysenko und seinen Vasallen war es gelungen, die Genetiker als Klassenfeinde, »Fliegenliebhaber und Menschenhasser« dem Terror auszuliefern und die Genetik als »westliche Falschwissenschaft« abzuschaffen." [117] Ausgehend von Biologie und Landwirtschaft breiteten sich seine Lehren in weitere Disziplinen aus und wurden z. B. in Medizin und Pädagogik vorgeschrieben. "Genetische Unterschiede sollte es nicht mehr geben dürfen. Die Erziehbarkeit durch die Umwelt schien grenzenlos." [118] Diese »Erziehungsmaßnahmen« machten selbst vor der Literatur nicht halt, so schrieb Berthold Brecht 1950 ein Poem mit dem Titel Tschaganak Bersijew oder die Erziehung der Hirse.[119]

Die  Lehre Lysenkos konnte sich vollends zur zentralen Staatsdoktrin ausbreiten. Mit Naturwissenschaft hatte sie allerdings nicht mehr viel zu tun, vielmehr ging es um eine Feindbildproduktion zwischen dem kapitalistischen Westen und der sozialistischen Sowjetunion. Das folgende Zitat von 1948 von V. P. Bušinskij, einem Anhänger Lysenkos, zeigt dies gut auf: "Die Lysenkosche Lehre hat während dieser Tage einen vollständigen Sieg errungen, und zwar durch die ideologische Ausrottung der Vertreter einer reaktionären, antiwissenschaftlichen, weismannistisch-medelistisch-morganistischen Richtung in der Biologie. Das war einer der Siege des Sozialismus, des Kommunismus über den Kapitalismus. […] Die neue Mitschurinsche Biologie, die das sowjetische Herrschaftssystem hervorgebracht hat, entlarvte den feindlichen, bürgerlichen Weismannistisch-Mendelistischen Morganismus ideologisch und ersetzte ihn organisatorisch in unserem Land." [120] Nach dem Siegeszug in der Sowjetunion wurde das System »Lysenko« auch in die anderen sozialistischen Länder exportiert. Auch in der DDR fanden seine Ansichten in den 50er Jahren, besonders im Schulfach Biologie, verbreitet.[121]

Paradox war die Situation nach Stalins Tod 1953. Da der Lysenkoismus eindeutig eine von Stalin abhängige und geförderte Erscheinung war, hätte man ein baldiges Ende erwarten können. Es kam aber anders und für die Entwicklung der Landwirtschaft und Biologie in der Sowjetunion war die Karriereverlängerung Lysenkos während der Amtszeit Chruščevs (1953-1964) ein Desaster. Auch er schenkte den Versprechungen Lysenkos Glaube und merkte nicht, wie weit man sich in der Biologie schon von den gängigen neuen Konzepten im Westen entfernt hatte. Allerdings machte sich unter Chruščov wieder Kritik an Lysenko breit, so wurde z.B. die Theorie der sprunghaften Artentstehung stark angezweifelt (Weizen sollte sich demnach plötzlich in Hafer, Sonnenblumen in Ackerwinden, Fichten in Kiefern etc. verwandeln...).[122] Den Lysenkoisten wurde zum Verhängnis, dass sie keine experimentellen Ergebnisse vorweisen konnten und sich so weiterhin nur durch demagogische Arbeit am Leben erhielten.

Erst die Machtergreifung Brežnevs 1964 führte zu einem wirklichen Ende der Irrlehren Lysenkos. Er wurde im Februar 1965 auf der Jahrestagung der Akademie der Wissenschaften seines Postens enthoben. Zwei Jahre später starb er.[123] Eine Aufarbeitung und kritische Diskussion des Lysenkoismus konnte innerhalb der Sowjetunion bis in die 80er Jahre nicht stattfinden.[124] So wurde "[...] noch 1970 der Biologe Shores Medwedjew zwangsweise in eine Nervenheilanstalt eingeliefert, weil er begonnen hatte, die Geschichte des Lysenkoismus aufzuarbeiten." [125]

 

Résumé und Ausblick

 

Blickt man auf die Entwicklung der Biologie und insbesondere der Genetik und Eugenik in der Sowjetunion der 20er bis 60er Jahre zurück, so erstaunt einen vor allem die Härte und Konsequenz, mit der Gedankengänge gedacht wurden. Die Eugeniker hätten letzten Endes keinen Skrupel vor der Umsetzung ihrer Phantasien gehabt. Dass es in der Sowjetunion nicht zu einer Umsetzung dieser Pläne kam lag an der strikten Ablehnung Stalins; auch Lysenkos persönlichem Einsatz ist es zu einem Teil zu verdanken. Lysenkos Ansichten hatten jedoch ebenso schwerwiegende Folgen. Die menschlichen Verluste, die unzähligen Forscher, die in den stalinistischen Lagern verschwanden, sind dabei ein tragisches, aber unwesentliches Kriterium, da unter einer eugenisch ausgerichteten Wissenschaft wahrscheinlich die Lysenkoisten in den Lagern verschwunden wären. Das eigentliche Drama des Lysenkoismus liegt also in der Zerstörung der Landwirtschaft und in den Hungersnöten vor und nach dem Zweiten Weltkrieg, die auch Resultate von Lysenkos Landwirtschaftspolitik waren. Es war eine direkte Folge dieser Politik, dass sich Russland in den 40er bis 60er Jahren von der »Kornkammer Europas« zu einem abhängigen Getreideimporteur entwickelte. Von den damit verbundenen Folgeschäden hat sich Russland in gewissem Sinne auch heute noch nicht erholt.

Auf der wissenschaftlichen Seite bleibt festzustellen, dass Lysenkos Ansichten nicht grundsätzlich falsch waren. So geht man heute davon aus, dass sowohl die genetischen Anlagen, als auch die Umwelteinflüsse die Artbildung beeinflussen. So können Mutationen durch veränderte Umweltbedingungen gefördert werden und sich durchsetzten. Wie ich von einem Getreidezüchter erfuhr, ist auch die züchterische Umwandlung von Winter- in Sommerweizen heute kein Problem mehr.

Paradox erscheint es, dass auch heute Genetiker durch »therapeutische« Klonierungsversuche an Menschen oder gentechnisch veränderte Nutzpflanzen die Menschheit eher beängstigen, als beruhigen. Menschenzüchtung, im Sinne von Serebrovskij oder Muller, hat sich nach dem 2. Weltkrieg nicht mehr durchsetzen können, es erstaunt jedoch, wie unkritisch heute z.B. mit Fruchtwasseruntersuchungen (Gentest) bei Schwangerschaften zur Bestimmung des »Erbwertes« umgegangen wird.

Diese Punkte sollen weder Lysenko rehabilitieren noch die Genetik grundsätzlich verurteilen. Sie zeigen jedoch auf, als wie kompliziert sich dieses Kapitel der Wissenschaftsgeschichte erweist und wie schnell voreilige Schlüsse, »gut« oder »schlecht«, gezogen werden.

 

Literatur

 

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Wuketits, Franz M..; Eine kurze Kulturgeschichte der Biologie, Damstadt 1998

 


Anmerkungen


[1] griechisch: eu = gut, genic = abgeleitet von Geburt

[2] Nach der von dem französischen Naturforscher Jean-Baptiste de Lamarck begründete Hypothese verändern sich bestimmte Merkmale von Lebewesen durch die Einwirkung von Umwelteinflüssen. Diese Veränderungen werden auf die Nachkommen vererbt, wenn sie bei beiden Elternteilen auftreten. Nach Lamarck kommen solche Veränderungen dadurch zustande, dass stark beanspruchte Organe kräftiger und leistungsfähiger werden, nicht gebrauchte Organe dagegen geschwächt werden, sich verkleinern und schließlich ganz verkümmern. Eine Veränderung findet also zuerst im Phänotyp statt und wird nach Lamarck von dort auf den Genotyp übertragen, wodurch sie erbwirksam wird.

[3] Wuketits, 1989, S. 115; Riewenherm, 2000, keine Seitenangabe. Im Deutschen wurde 1895 der synonyme Begriff Rassenhygiene durch Alfred Ploetz geprägt.

[4] Wuketits, 1989, S. 106

[5] Riewenherm, 2000, keine Seitenangabe

[6] Weß, L., 1989, S. 24

[7] Ibid., S. 25

[8] Ibid., S. 26

[9] Raven, P., Biologie der Pflanzen, 2000, 917f

[10] Weß, L., 1989, S 30f

[11] Muller, H. J., Die Dominanz der Ökonomie über die Eugenik, 1932; in: Weß, L., 1989, S. 112-116

[12] Bergmann, W., 2000, S. 12

[13] Adams, M., 1990, S. 157

[14] Weß, L., 1989, S. 55; Adams, M., 1990, S. 159ff. Im Russischen wurde vor allem der Begriff Evgenika verwendet, der Terminus Rasovaja gigiena wurde ab Mitte der 20er Jahre durch den Nationalsozialismus diskreditiert. Vgl. Graham, L., 1981, S. 233

[15] Weß, L., 1989, S. 54f; Adams, M., 1990, S. 166ff

[16] Adams, M., 1990, S. 154

[17] Ibid., S. 162

[18] zit. nach: Adams, M., Eugenics in Russia, 1990, S. 162 ("Eugenics is the religion of the future and it awaits its prophets.")

[19] Adams, M., 1990, S. 168f

[20] Weß, L., 1989, S. 55; Adams, M., 1990, S. 172

[21] Ibid., S. 56

[22] Adams, M., 1990, S. 179

[23] Weß, L., 1989, S. 57f

[24] Ibid., S. 58

[25] Serebrovskij, A., Teorija nasledsvenosti Morgana i Mendelja i marksisty, 1926, in: Pod znamenem marksizma (1926), S. 98-117, zit. nach: Weß, L., 1989, S. 59,

[26] vgl.: Weß, L., 1989, S. 60

[27] Weß, L., 1989, S. 60

[28] Ibid., S. 61

[29] Ibid., S. 62 (beide Zitate)

[30] Serebrovskij, A., 1929, S. 120-129

[31] Adams, M., 1990, S. 181f; siehe auch: Bergmann, W., 2000, S. 14

[32] Serebrovskij, A, 1929, S. 121f

[33] Ibid., S. 124

[34] Ibid.

[35] Ibid., S. 126

[36] Ibid., S. 128

[37] Ibid.

[38] Ibid.

[39] vgl. Adams, M., 1990, S. 182f; Weß, L., 1989, S. 118; Bednyjs Artikel konnte nicht eingesehen werden.

[40] Adams, M., 1990, S. 183

[41] zit. nach: Adams, M., 1990, S. 185

[42] Weß, L., 1989, S. 63

[43] Ibid., S. 62

[44] Adams, M., 1990, S. 185f

[45] Ibid., S. 190

[46] Weß, L., 1989, S. 15

[47] Roth, K.-H., 1988, S. 124

[48] Weß, L., 1989, S. 16

[49] Roth, K.-H., 1988, S. 124f; Weß, L., 1989, S. 17

[50] Muller, H., Applications and Prospects, 1916, unveröffentlicht; zit. nach: Weß, L., 1989, S 17; siehe auch: Roth, K.-H., 1988, S. 132

[51] Weß, L., 1989, S. 17

[52] Carlson, E., 1981, S. 185

[53] Ibid., S. 186

[54] Ibid., S. 189

[55] Ibid., S. 190

[56] Soyfer, V. N., 1989, S. 417

[57] Carlson, E., 1981, S. 193

[58] Ibid., S. 196

[59] Ibid.

[60] Muller, H., 1935, Brief an E. Altenburg vom 11. Oktober; zit. nach: Carlson, E., 1981, S. 214

[61] Carlson, E., 1981, S. 194; Adams, M., 1990, S. 190

[62] Adams, M., 1990, S. 192

[63] Carlson, E., 1981, S. 202

[64] Ibid., S. 205

[65] Ibid., S. 224

[66] Ibid., S. 206

[67] Weß, L., 1989, S. 65

[68] Ibid., S. 66

[69] Ein erster Schulbesuch erfolgte erst mit 13 Jahren. Jahn, I., 1998, S. 893

[70] Soyfer, V.N., 1989, S. 415

[71] "Wenn man seinen ersten Eindruck von einem Menschen beschreiben sollte, so muss man bei Lysenko sagen, dass er das Gefühl von Zahnschmerzen hinterlässt. Gott gebe ihm Gesundheit; er hat einen deprimierenden Gesichtsausdruck. Er ist wortkarg, und sein Gesicht ist unbedeutend; man erinnert sich nur an seinen mürrischen Blick, der auf dem Boden entlang kriecht, als ob er ein Grab für den Gast suche. Nur einmal ließ dieser barfüßige Wissenschaftler ein Lächeln über sein Gesicht huschen, und das war, als wir über Poltawakirschenknödel mit Zucker und saurer Sahne sprachen." V. Fjodrovič über T. D. Lysenko, Pravda vom 7. August 1927. Zit. nach: Medwedjew, S. A., 1974, S. 28f

[72] Der Begriff Jarovisation [russisch: jarowoj - Sommergetreide, Sommerkulturen] wurde von Lysenko geprägt. Unter dem synonymen Begriff Vernalisation, aus dem englischen Sprachraum, versteht man eine Kältebehandlung (Temperatur etwas über dem Gefrierpunkt) des bereits gequollenen Samen, die bei manchen Pflanzen, z.B. dem Winterweizen, für die spätere Blütebildung, eine Voraussetzung ist. Wintergetreide erfahren diese Kälteperiode normalerweise durch die Aussaat im Herbst und den Aufenthalt im kalten Winterboden, die Samen der Sommergetreidearten brauchen dagegen keine Kälteeinwirkung.

Die Frostresistenz des Winterweizens ist jedoch begrenzt, z.B. in Regionen Russlands, mit sehr kalten Wintern, kann dieser Weizen nicht mehr angebaut werden. Durch die »Umerziehung« der ertragreicheren Wintergetreidearten erhoffte sich Lysenko deshalb eine Ertragssteigerung. Von Lysenko nicht beachtet war eine andere Problematik für die Aussaat von Sommerweizen: Da die Bodenkonsistenz in Russland im Frühjahr ein Befahren der Felder oft nicht zulässt, kommt es zu einer verspäteten Aussaat und somit zu einer zu kurzen Vegetationsperiode. Winterweizen hat hier den Vorteil, dass er direkt mit den ersten warmen Tagen loswachsen kann, während Sommerweizen evtl. wegen nassen Böden noch gar nicht ausgesät werden konnte. Lysenkos Versuche bestanden aus mehreren Unterversuchen, so z.B. die Abhärtung des Winterweizens, um ihn auch noch bei tieferen Temperaturen keimfähig zu halten. Als Resultat von Lysenkos Versuchen bleibt festzuhalten, dass es zu keinerlei Ertragssteigerungen kam und er im Gegenteil, Tausende Tonnen von Saatgut durch unsachgemäße Vorkeimung zerstören ließ. Vgl. Medwedjew, S. A., 1974, S.165ff

[73] Soyfer, V. N., 1989, S. 416

[74] Ibid., S. 417

[75] Ibid.

[76] Bergmann, W., 2000, S. 20

[77] Jahn, I., 1998, S. 546

[78] Bergmann, W., 2000, S. 21

[79] Carlson, E., 1981, S. 223

[80] Marx, K., Gesammelte Werke, 1949, keine Seitenangabe; zit. nach: Wuketits, F., 1998, S. 111

[81] Carlson, E., 1981, S. 225

[82] Weß, L., 1989, S. 67

[83] Groys, B., Gesamtkunstwerk Stalin - Die gespaltene Kultur der Sowjetunion. München 1988

[84] Muller, H., Out of the Night - A Biologist's View of the Future, New York 1935

[85] Weß, L., 1989, S. 89

[86] Muller, H., 1935, S. 113

[87] Roth, K.-H., 1988, S. 145

[88] Weß, L., 1989, S. 69

[89] Muller, H., 1937, Brief an Huxley vom 9. März; zit. nach: Charlson, E., 1981, S. 233

[90] Muller, H., 1936, Письмо Германa Меллера - И. В. Сталину, Предисловие к публикации И. А. Захарова

[91] Muller, H., 1936, keine Seitenangabe

[92] Weß, L., 1989, S. 68

[93] Weß, L., 1989, S. 68, siehe auch: Carlson, E., 1981, S. 232

[94] siehe dazu: Adams, M., 1990, S. 117

[95] Serebrovskij, A., 1936, Biulleten' IV sessii VASChNILA, Moskva; zit. nach: Adams, M., 1990, S. 196

[96] Weß, L., 1989, S. 68f; Carlson, E., 1981, S. 232

[97] Carlson, E., 1981, S. 233

[98] Ibid., S. 234ff

[99] Ibid., S. 234/239

[100] Eine ausführliche Biografie zu Muller hat Elof Carlson (1981) geschrieben, einen kurzen Überblick über Muller findet man bei Karl-Heinz Roth (1988)

[101] Nikolaj Vavilov ist aller Wahrscheinlichkeit nach an Unterernährung gestorben. Im Westen rief der Tod Vavilovs große Bestürzung hervor und es erschienen in den folgenden Monaten über 100 Artikel, die das Vorgehen in der sowjetischen Wissenschaft kritisierten. Für weitere Informationen zu den Auseinandersetzungen zwischen Vavilov und Lysenko siehe: Medwedjew, S. A., 1974, S. 72ff

[102] Der Philosoph und Ideologe Isaak Israilevič Prezent wird als der theoretische Vordenker Lysenkos betrachtet. Loren Graham schreibt in Science and philosophy in the Soviet Union über ihn: "After Lysenko moved from Azerbaidzhan to Odessa in 1930, he met I. I. Prezent - in contrast to Lysenko, a member of the Communist Party and a graduate of Leningrad University. Prezent had once thought that Mendelian genetics was a confirmation of dialectical materialism, but he later 'diverged from the formal geneticists on the most cardinal questions.' [...] Prezent is frequently described, both in and out of the Soviet Union, as the ideologue who was primarily responsible for systematically formulating Lysenko's views and for attempting to integrate them with dialectical materialism. To ascertain the relative contributions of Lysenko and Prezent to the full system of Michurinist biology is an impossible task since they worked closely together and published several important works as co-authors. It is quite possible that once alerted by Prezent to the ideological possibilities of his biological views, Lysenko was as active as Prezent in expanding the system. But the fact remains that not until Prezent became his collaborator did Lysenko make an attempt either to connect his biological views with Marxism or to oppose classical genetics. The joint publication in 1935 by Lysenko and Prezent of "Plant Breeding and the Theory of Phasic Development of Plants" marks an entirely new stage in the development of Lysenko's career." (S. 209f)

[103] Medwedjew, S. A.; 1974; S. 39

[104] Böhme, H., 1999, keine Seitenangabe

[105] Medwedjew, S. A., 1974, S. 120ff

[106] Soyfer, V. N., 1989, S. 419

[107] Forschungen wurden zu dieser Problematik in Russland schon 1828 von N. Ščeglov und 1837 von M. Spafariev vorgenommen; vgl.: Soyfer, V. N., 1989, S. 420. Heutige Sorten besitzen dagegen die Fähigkeit zur Büschelbildung, die allerdings erst dann in Erscheinung tritt, wenn, bedingt durch schlechte Wetterbedingungen, nur wenige Samen austreiben. Ertragssteigerungen werden damit jedoch nicht erreicht.

[108] Soyfer, V. N., 1989, S. 420

[109] Medwedjew, S. A., 1974, S. 129

[110] Stelzer, E, 1999, keine Seitenangabe

[111] Der Bericht erschien auch in deutscher Sprache: Lysenko, T. D.; Die Situation in der biologischen Wissenschaft – Stenografischer Bericht von der Tagung der W. I. Lenin-Akademie der Landwirtschafts-Wissenschaften der Sowjetunion; Berlin 1951

[112] Böhme, H., 1999, keine Seitenangabe

[113] Malthus stellte in seinem soziologischen Werk An Essay on the Principle of Population 1798 fest, dass die Zahl der Nachkommenschaft in geometrischer Progression ansteigt, während die Nahrungsgrundlage nur arithmetisches Wachstum zeigt. Interessanter Weise propagierte auch Malthus künstliche Geburtenregelung beim Menschen, was ihn für Lysenko zum 'idealen Gegner' machte. Vgl. Jahn, I., 1998, S. 359

[114] Lysenko, T. D., 1951, S. 9

[115] Ibid., 1951, S. 10

[116] Böhme, H., 1999, keine Seitenangabe

[117] Bergmann, W., 2000, S. 19

[118] Ibid., S. 22

[119] Brecht schrieb dies wohl in Anlehnung an Gennadi Fiš's Erzählung Der Mann, der das Unmögliche wahr gemacht hat. Vgl.: Böhme, 1999, keine Seitenangabe

[120] Bušinskij, V. P.; Nauka i Žisnj, 1948, Nr. 10, S. 36-39; nicht eingesehen; zitiert nach: Medwedjew, S. A., 1974, S. 133

[121] siehe dazu: Höxtermann, Ekkehard; Zur Profilierung der Biologie an den Universitäten der DDR bis 1968; Preprint 72, MPInstitut für Wissenschaftsgeschichte, Berlin 1997

[122] Medwedjew, S. A., 1974, S. 146

[123] Ibid., S. 244f

[124] Jahn, I., 1998, S. 547

[125] Bergmann, W., 2000, S. 22