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- Lebend sein in russischer Weite -

Bericht über ein Jahr in einer russischen Waldorfschule


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AKTUELL: Die Jaroslawler Waldorfschule steckt, nachdem sie bis jetzt fast ohne deutsche Finanzhilfe arbeitete, seit September 2004 in einer sehr ernsten Finanzkrise. Unterstützen kann man sie über den Verein Waldorfschulen in Russland e.V. Vielen Dank!!!

 

 „Steh’ ich gerade wie ein Turm,

steh’ ich fest in Wind und Sturm,

ich breite meine Arme aus

und hol die Sonne in mein Haus.“

Anfangsspruch im Unterricht der Unterstufe

 

...leicht verstört und ängstlich reiche ich dem Zöllner meinen violetten Pass und hoffe darauf, dass er vielleicht nicht merken wird, dass mein Visum für Russland erst in einem Monat beginnt. Aber so träge war er leider nicht und so fand ich mich fünf Minuten später auf dem Bahnsteig an der polnisch-russischen Grenze wieder... „Eine Woche ohne Visum wäre noch zu machen“, meinte er, „aber einen ganzen Monat, das ist dann ja wohl doch etwas viel.“ Immerhin durfte ich seinem Vorgesetzen im Bahnhofsgebäude die Geschichte noch mal erzählen, von der netten russischen Botschaft in München, die mein Visum leider erst für den 28. November, und nicht wie beantragt für den 28. Oktober ausgestellt hatte. Und mit diesem „vorgesetzten“ Menschen geschah dann ein kleines russisches Wunder, denn er meinte plötzlich nur, leicht verschlafene und genervt „Wieviel können Sie denn zahlen?“

Ja und so kam ich doch tatsächlich nach kurzem Verhandeln für lapidare DM 30,- Bestechungsgeld ohne gültiges Visum in dieses sonderbare, schöne und mir so lieb gewordene Land hinein. Man möchte gar nicht an eine ähnliche Situation an der deutschen Grenze denken...

Inzwischen ist über ein halbes Jahr vergangen und diese Geschichte kommt mir schon lange nicht mehr so spektakulär vor, damals hätte ich ja allen vor Freude um den Hals springen können: Wieder in Russland zu sein, mit dem Zug durch herbstgelbe Birkenwälder, vorbei an kleinen Dörfern mit bunten, windschiefen Isbuschkas zu fahren, das war schon ein wunderbares Gefühl.

Ziel dieser meiner zweiten „Heimatflucht“ nach Russland war der Gedanke, endlich mal wieder etwas Sinnvolles zu tun, selbst zu arbeiten und nicht nur in irgendwelchen Vorlesung abstrakte Grammatikregeln und komplizierte biochemische Formeln niederzuschreiben. In meinem Berliner Studentenleben hatte ich doch schon einen zu gefährlich lethargischen und langweiligen Lebensstil angenommen und hatte so die Einladung der Jaroslawler Waldorfschule als Deutschlehrer sofort mit Begeisterung aufgenommen.

Endlich mal selbst vor eine Klasse treten, meine eigenen Fähigkeiten als Lehrer kennenzulernen, Unterricht so zu gestalten, dass er lebendig und fröhlich ist. Solche Gedanken schwebten mir damals durch den Kopf. Wie das alles funktioniert, war mir damals wenig klar, aber es schien mir auch nicht sonderlich schwer. Zumindest, bis ich dann zum ersten Mal vor einer meiner fünf Klassen stand...

Lehrer zu sein ist für mich doch eine neue Sache, sicher habe ich schon oft mit Kindern gearbeitet und auch schon die eine oder andere Schule von innen gesehen, aber jeden Tag für drei, vier Stunden vor den verschiedensten Klassen zu stehen und diese zu unterhalten und zu beschäftigen und dabei zu schauen, dass die Kinder auch noch was lernen ist dann eben doch viel schwerer, als ich es mir ausgemalt hatte... Ich hatte auch gedacht, dass meine Art mit anderen Menschen umzugehen und die Fähigkeit, sie für etwas zu begeistern, da doch schon viel von alleine regeln würde.

Inzwischen hat sich gezeigt, dass da viel harte Arbeit dahinter steckt bis solch eine Stunde steht und ich habe nicht nur ein Mal gestöhnt, wenn mir mal wieder nichts einfiel und ich spät abends über irgendwelchen abstrusen sowjetischen Deutschlehrbüchern saß und nach etwas Brauchbarem für den nächsten Tag suchte. Trotz allen Problemen und Schwierigkeiten bin ich aber doch sehr froh hier sein zu dürfen und will nun endlich mal aus diesem meinem hiesigen Leben berichten. Da die Waldorfschule hier in Jaroslawl (ungefähr vier Stunden nördlich von Moskau) das Zentrum meines hiesigen Lebens ist, will ich mit einer kleinen Schilderung über ihre Geschichte und Gegenwart hier in der „russischen Bildungswildnis“ beginnen...

Die Schule besteht seit September 1990, wurde also gleich mit Beginn der politischen Umbrüche in der Sowjetunion ins Leben gerufen. Diese Zeit war geprägt von großen Ideen, hohen Idealen und viel Enthusiasmus, mit dem man damals ans Werk ging. Probleme gab es vor allem mit dem Staat, mit fehlenden Räumlichkeiten und mit dem lieben Geld. Weniger problematisch war es dagegen Eltern und Schüler für solch ein Projekt zu gewinnen, da viele Eltern nach 70 Jahren ideologisch deformierter Sowjetbildung nach etwas Neuem, Besserem suchten und jede Alternative mit großem Interesse aufnahmen. Zur Gründung fanden sich damals recht verschiedene Menschen zusammen, Lehrer, Eltern und Menschen aus verschiedenen sozialen Einrichtungen. Sie schufen zusammen eine kleine Schule in der es möglich sein sollte, die Kinder so zu erziehen, wie man es für richtig hielt. Nach drei Jahren entschied man sich dann als Gesamtkonzept für die Waldorfpädagogik, die seit diesem Zeitpunkt in vielen Seminaren für die Lehrer vertieft werden konnte.

Heute befindet sich die Schule in zwei schönen Gebäude mit großem Garten in der Stadtmitte und so haben sich auch die Politiker an das Existieren der Schule gewöhnt (seit Oktober 1999 wird sogar ein Teil der Gehälter vom Staat finanziert). Der Großteil der Menschen, der von der Existenz der Waldorfschule weiß, sieht jedoch immer noch mit einem etwas verständnislosem Lächeln auf die Schule und würdigt zwar die guten Ansätze, lehnt die Schule aber in dem Sinne ab, dass sie zu realitätsfern sei und die Kinder später im Leben mit all der Musik, Kunst, Handwerk und ähnlichem nichts anfangen könnten...

Hinzugekommen ist inzwischen auch ein neues Problem: Es finden sich immer weniger Eltern, die ihre Kinder diesem für Russland großen pädagogischen „Experiment“ aussetzen wollen, negativ unterstützt wird diese „Tendenz des Schülermangels“ durch einen extremen Geburtenrückgang in den unsicheren Jahren nach der Perestroika und durch andere konkurrierende Privatschulen. So sind in der 3. Klasse noch 21 Kinder, in der 2. Klasse 11 Kinder und in der 1. Klasse nur noch 8 Kinder. Für die neue 1. Klasse haben sich bis jetzt erst vier Familien fest angemeldet (Inzwischen sind es 11 Kinder geworden, ein Grund zu Freude...). Für viele Eltern ist die Waldorfpädagogik durchaus wichtig und man hat viel am Aufbau der Schule beigetragen. So werden alle Renovierungsarbeiten von Eltern, Schülern und Lehrern jedes Schuljahresende zusammen erledigt und jeder hilft so gut er kann mit dem was ihm zu Verfügung steht.

Andere Schulmodelle waren weit weniger erfolgreich, so ist eine Montessori-Schule in Russland einfach dadurch schwer vorstellbar, dass die Eltern doch sehr an gewisser Ordnung und Strenge im Unterricht festhalten wollen. So frei und antiautoritär, wie hier in Deutschland Schule teilweise gelebt wird, ist man in Russland noch lange nicht... Eine Konkurrenz ist heute eher in teuren, wissenseintrichternden Eliteschulen zu fürchten (obwohl man auch froh sein kann, wenn man diese Eltern vielleicht nicht in zu großer Anzahl an der Schule hat...).

Einen Grund für die stark schwankenden Schülerzahlen bilden sicher auch die Finanzen, die seit der Augustkrise 1998 die gerade erstarkende Mittelschicht wieder um Jahre zurückgeworfen haben. Für die meisten Eltern sind die durchschnittlich 300 Rubel Schulgeld (DM 21,50) im Monat so eben einfach nicht aufzubringen. Aber es ist auch die Angst und Ungewißheit der Eltern, was diese Schule für ihre Kinder später bringen wird. Da momentan vor allem Geld eine Rolle spielt, wird eben auch nur auf diesen Faktor geschaut. Wie kann mein Kind nach Beendigung der Schule möglichst problemlos in eine prestigereiche Universität eintreten und danach viel Geld verdienen? Nur wenige Menschen machen sich Gedanken um das, was man außer Formeln und Wissen in einer Schule noch lernen kann. Um menschliches Miteinander also, um Eintauchen in die verschiedensten Lebensbereiche auf unserer Erde, handwerkliches und künstlerisches Können, Erziehung hin zu Toleranz und Mitmenschlichkeit, eben all das was eine Waldorfschule ausmachen soll.

Bedingt durch ständige Probleme, sei es mit den Finanzen, mit den Schülerzahlen, mit Raummangel oder fehlenden neuen Lehrer ist die Schule so ein sehr bewegtes und unsicheres Projekt. Fast täglich steht man vor scheinbar unlösbaren Problemen, ständig muß man kämpfen, um nicht unterzugehen, muss aus dem Nichts eine funktionierende Schule improvisieren... Aber genau das macht auch die Schule aus, dass ist es, was sie lebendig erhält. Man ist ständig auf der Suche, die Lehrer selber sind in einem Lernprozeß und versuchen auf den periodischen Seminaren weiterzukommen, hin zu einer kindgerechten Pädagogik, die nicht nur vom Westen übernommen wurde, sondern auch für das heutige Russland passt.

Dass dies nicht leicht ist, kann man sich vorstellen, wenn man bedenkt, dass auch die Lehrer nur gerade so über der Armutsgrenze leben. Das durchschnittliche Gehalt beträgt ca. 1200,- Rubel (ca. DM 90,-), was zum Überleben eben nur gerade so reicht. Besonders schwer haben es die Familien, in denen beide Elternteile in der Schule arbeiten und so nicht auf ein höheres Einkommen des Ehepartners zurückgegriffen werden kann.

Ich selber bekommen bei 15 Wochenstunden á 6,80 Rubel (DM 0,49) im Monat ca. 500,- bis 700,- Rubel, wovon ich gerade mal meine Telefonrechnung nach Deutschland und mein tägliches Müsli bezahlen kann... Eine große Hilfe um überhaupt über die Runden zu kommen, sind für die Schule daher die Partnerwaldorfschulen in Järna (Schweden) und Überlingen, die die hiesige Schule finanziell und vor allem auch moralisch unterstützen.

Das größte Problem, dass ich bereits angesprochen habe, ist die schlechte Disziplin der Schüler im Unterricht, sowie eine relativ schwache autoritäre Stellung der Lehrer gegenüber den Schülern. Interessanterweise findet man das in Russland in staatlichen Schulen fast gar nicht. Schaut man sich in diesen Schulen um, so sieht man nur brave, aufrecht sitzende Kinder vor sich und wundert sich, wie die selben Kinder in der Waldorfschule so bewegt und teilweise überdreht durch die Klasse flitzen. Betrachtet man das staatliche System jedoch näher, so erkennt man, dass die dortige Disziplin alleine durch künstliche Druckmittel, im Normalfall Noten und Strafarbeiten, aufrecht erhalten wird. Geht man in eine russische Universität, wo diese Druckmittel fehlen, kommt man sich oft wie in eine siebte Klasse zurückversetzt vor, alles schwätzt und keiner hört zu...

In der Waldorfschule, wo ja ohne Noten gearbeitet wird, muß also alleine durch die Autorität der Lehrer eine Atmosphäre geschaffen werden, in der es sich arbeiten läßt. Und das ist wohl eins der Hauptprobleme unserer Schule hier, dass es die Lehrer selber noch nicht immer schaffen, so diszipliniert und geordnet aufzutreten, dass es ihnen die Schüler nachmachen und von ihnen lernen könnten. Die Schüler haben auch zuhause oft nicht den Rahmen und die tägliche Lebensordnung, die ihnen beibringen würde, wie man sich in der Schule zwischen vielen anderen Kindern verhält. Und so ist es eben schwer von Schüler zu verlangen rechtzeitig zum Unterricht zu erscheinen, wenn es manch ein Lehrer selber nicht schafft. Oder gemachte Hausaufgaben zu verlangen, wenn der Lehrer selber nicht mehr richtig weiß, was er denn aufgegeben hat. Vielleicht liegt einiges auch daran, dass wir in Deutschland insgesamt disziplinierter sind (die hier so oft gepriesene „deutsche Ordnung“) und ich muß zugeben, dass ich inzwischen auch schon ziemlich russifiziert bin und mich nicht mehr all zu sehr verausgabe, um in diesem Sinne hier die Welt zu verändern...

Die Lehrerschaft der Schule ist eine sehr harmonische und es sind viele nette und fähige Menschen darunter. Die Schule hat für Russland einen sehr hohen männlichen Lehreranteil, ca. ein Drittel, was meiner Meinung nach auch sehr wichtig ist, da viele Kinder ohne wirkliche Männer zuhause aufwachsen (das Problem der russische Männerwelt will ich hier jetzt lieber nicht ausbreiten...). Auch all die Fächer die eine Waldorfschule ausmachen und von einer Staatsschule unterscheiden sind inzwischen gut vertreten. So gibt es inzwischen für Theater, Handarbeit, Plastizieren, Handwerken, Einzelunterricht, Malen, Musik und Eurythmie recht kompetente Lehrer.

Ein anderes Problem was mir hier in der Waldorfschule leider sehr ins Auge sticht, ist die Unfähigkeit der Menschen und so auch der Lehrerschaft, Entscheidungen zu treffen. Zum einen möchte man als Kollegium, wie an Waldorfschulen eben üblich, gerne alles gemeinsam, kollegial entscheiden und ist beleidigt, wenn die Direktorin, etwas über die Köpfe hinweg entscheidet, andererseits ist man aber unfähig, gemeinsam zu einer Entscheidung zu kommen oder braucht zumindest dafür so lange, dass man (ich zumindest) dabei fast einschläft. So diskutiert z.B. das ganze Kollegium eineinhalb Stunden darüber, ob eine chinesische Meditationsgruppe in den Räumen der Schule abends arbeiten darf... Dabei kann man die verschiedensten Menschentypen beobachten: Die meisten schweigen einfach, andere reden ohne auch nur ansatzweise auf einen Punkt zu kommen und wieder andere warten bis zum Ende und fassen dann alles noch mal zusammen. Ein bis zwei Leute gibt es, die dann daraus einen Entschluß formulieren, dem dann meist auch, völlig erschöpft, zugestimmt wird.

Nun aber genug aus dem Schulalltag und noch ein bißchen was aus meinem „Leben“... Wohnen und leben tue ich inzwischen in einer sehr netten Familie, deren Tochter für den Schulabschluß nach Schweden gefahren ist. Mitten im Zentrum in einer für Russland wirklich riesigen und luxuriösen Wohnung direkt an der Wolga, so dass ich am Schreibtisch sitzend ständig den breiten, trägen, für Russland so bedeutenden Fluß vor Augen habe. Der Winter hat uns nach langem Kampf nun auch endlich verlassen und innerhalb von zehn Tagen sind all die Schneemassen verschwunden und es strahlt eine schöne warme Sonne vom Himmel und verbreitet gute Laune. Nun merkt man auch, wie schön und grüne diese Stadt des „Goldenen Rings“ ist. Bedingt durch die nördliche Lage, wurde hier während des Zweiten Weltkrieges nichts zerstört und auch die Kommunisten haben nicht all zu schrecklich gewütet (obwohl von den über 80 Kirchen und Klöstern, die es vor der Revolution hier gab nur ca. 30 überlebt haben). Neben diesen Kirchen, die überall mit ihren glänzenden goldenen und grünen Kuppel in den Himmel ragen, ist die Stadt von recht schönen klassizistischen, zweistöckigen Häusern geprägt. Im Gegensatz zu anderen russischen Städten hat die hiesige Wirtschaft die Wirren der Perestroika gut überwunden und die Stadt ist so relativ reich und kann sich gebührend um ihr Kulturerbe kümmern.

Die Lebensumstände in Russland haben sich in der letzten Zeit wenig geändert, auch wenn es nach der Augustkrise 1998 nun langsam wieder aufwärts geht. Die einheimische Industrie wurde ja durch diese Krise sogar etwas gestärkt, da durch den Rubelsturz ausländische Waren sehr teuer geworden sind. Ausserdem hat die russische Industrie inzwischen in vielen Bereichen ein recht hohes Niveau erreicht und viele Waren unterscheiden sich nicht mehr so stark von ihren westlichen Vergleichsprodukten. Leider haben aber auch die Preise für diese Produkte einen Sprung nach oben gemacht und so sind für viele die Hauptnahrungsmittel noch immer Kartoffeln, Weißkohl, Brot und Kascha in allen Sorten (Hafer-, Grieß-, Reis-, Hirsebrei usw.). Eine Familie mit zwei Kindern hat monatlich im Schnitt nur 200-300 DM zu Verfügung, was eben nur für das tägliche Leben reicht und keine extra Anschaffungen erlaubt.

Über das politische Leben hier möchte ich lieber gar nicht reden. Recht beeindruckend waren für mich sowohl die Parlaments- als auch die Präsidentschaftswahlen. Wenn man sich das im russischen Fernsehen anschaut, was einem da vorgegaukelt wird, da bekommt man schon eine Gänsehaut... Wie da auf einmal aus dem Nichts ein gewisser Wladimir Wladimirowitsch Putin auftaucht und fast ein ganzes Land in ihm seinen Retter erkennt... Wie seine Konkurrenten für dumm verkauft werden und er sich dagegen als Pilot im Düsenjäger zu seinen Einheiten nach Tschetschenien in die Lüfte erhebt... Wenn es nicht so traurig wäre, hätte man fast jeden Abend was zu lachen...

Über den Krieg in Tschetschenien spreche ich fast mit niemandem mehr, da es mir nur jedesmal Kraft und Nerven raubt und man meist sowieso nicht verstanden wird und auch die Diskussionskultur noch immer zu wünschen übrig lässt („Ich habe recht, alles Fremde, mir Unbekannte ist unheimlich und deshalb falsch...“). Vieles in diesem Krieg kommt aber sicher aus der Angst heraus, als Weltmacht weiter an Bedeutung zu verlieren und eben nur irgendein vergessenes Dorf am Rande Europas zu sein.

Im Januar bin ich mit einem Sonderzug nach Wladiwostok an den Pazifik gefahren. In einem Zug voller Lehrer, Schuldirektoren und Studenten aus Russland und Deutschland. Ziel der Reise war der Besuch verschiedener Schulen in Russland, die in den letzten Jahren an einem Wettbewerb zum Thema „Schöne Schule“ teilgenommen haben. Schöne Schulen habe ich zwar nicht so viele gesehen, aber einen ganz guten Einblick in das staatliche, oft noch fast sowjetische Schulsystem erhalten. Besonders in den kleineren, von der Rest der Welt vergessenen Städten hat sich oft noch sehr wenig geändert und man kam sich wie zwanzig Jahre zurückversetzt vor.

Beeindruckend war natürlich auch diese unermeßliche Größe des Landes: 10.000 Kilometer mit dem Zug durch Schnee und Frost zu fahren ohne große, einschneidende Veränderung zu erleben, ist schon sehr faszinierend. Die Städte sind überall sehr ähnlich, die Menschen verändern sich auch wenig (obwohl sie mit zunehmendem Osten immer herzlicher wurden) und selbst die Natur bleibt sich immer russlandtreu, endlos, flach und mit Birken- und Fichtenwäldern bedeckt. Es wurde nur immer kälter, und irgendwo hinter Irkutsk am Baikal hatten wir eines Nachts dann auch mal meine lang ersehnten Minus 40 Grad Celsius...

 

Jaroslawl, im Frühjahr 2000