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Vertrauliche Anrede im Deutschen und
Russischen
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2. Formen und Situationen der vertraulichen Anrede 2.1 Der Gebrauch von Du und Sie 2.3 Anrede von Kindern und die Verwendung von Vornamen 2.4 Anrede der Schwiegereltern und sonstiger Verwandter „Ты и Вы“ - А. С. Пушкин
Пустое вы сердечным ты Она обмолвясь заменила, И все счастливые мечты В душе влюбленной возбудила. Пред ней задумчиво стою: Свести очей с нее нет силы; И говорю ей: как вы милы! И мыслю: как тебя люблю! 1. Einleitung
Die vertrauliche Anrede im Russischen und im Deutschen mit den Mitteln des Sprachvergleiches zu betrachten ist äußerst interessant, da die Anrede unter den lexikalischen Einheiten jeder Sprache eine herausgehobene Stellung einnimmt: Sie bezeichnet den Gesprächspartner direkt. Mit der Anrede einer vertrauten Person dringen wir sehr tief in deren Intimsphäre ein und können die Person so alleine durch die gewählte Form der Anrede verletzen oder aber auch zum Freund gewinnen. Vertrauliche Anrede ist in allen Lebensbereichen zu finden, oft allerdings vor der "Öffentlichkeit" versteckt, d.h. sie wird hinter "verschlossenen Türen" praktiziert. Die Regeln, die für Anredenormen im vertraulichen Bereich gelten, sind kompliziert und regional geprägt. Viele subjektive Umstände bestimmen sie mit. In dieser Arbeit sollen vor allem Anredeformen im familiären Lebensbereich betrachtet werden. Es wird weniger auf die Anrede in freundschaftlichen Beziehungen zwischen zwei Menschen eingegangen. Soweit möglich soll dargestellt werden, nach welchen Regeln der Sprecher bei der Wahl der Anredeform vorgeht. Ich habe versucht, die Regeln und Anredemuster am Ende jedes Abschnittes soweit sinnvoll in Tabellenform zu bringen, da dies den direkten Vergleich, der ja im Zentrum der Arbeit stehen soll, erleichtert. Die zahlreichen Schattierungen und Ausnahmeregelungen gehen dabei allerdings wieder verloren. Soweit sich die Umstände vergleichen lassen, soll herausgefunden werden, wie sich Sprecher in Deutschland und Russland in vergleichbaren Situationen verhalten und welche Sprachmittel sie zur Anrede auswählen. Es wird dabei immer wieder auffallen, dass Anredenormen stark geschichtlich geprägt sind. Und obwohl die geschichtliche Entwicklung in Russland und Deutschland sehr verschieden verlief, lassen sich doch zahlreiche parallele Entwicklungen aufzeigen (Anrede auf dem Land - Anrede in der Stadt...). Da zu diesem Thema nur beschränkt wissenschaftliche Literatur verfügbar ist und auch, um die Arbeit aktuell zu halten, habe ich versucht, in meinem Bekanntenkreis Informationen zu den Anredegewohnheiten in Russland und Deutschland zu sammeln. Für diese Arbeit wesentliche Beiträge stammen von Elena Sergeeva (Russischlehrerin aus Jaroslavl') und von Warwara Tschachotina (Russischlehrerin aus Überlingen), sowie von zahlreichen anderen deutschen und russischen Freunden. Für das Anredeverhalten auf deutscher Seite sind für die wissenschaftlichen Arbeiten Werner Besch, Olga Rösch und Helga Kotthoff zu nennen, wobei Besch viele interessante Informationen über deutsche Anredemuster in der Vergangenheit liefert. Die Arbeit von Klaus Schubert war für mich dagegen wenig verwertbar, da sich Schubert nur auf zwei Informanten stützt und somit doch ein recht einseitiges Bild entsteht. Für das Anredeverhalten auf russischer Seite sind N. Formanovskaja, Ch. Sokolova und T. Kogotkova von zentraler Bedeutung. Der Beitrag von Formanovskaja und Sokolova richtet sich an Russen zur besseren Orientierung im deutschen Sprachraum, durch diese Blickrichtung werden viele, dem deutschen Muttersprachler unbekannte, Details ersichtlich. Der Artikel von Kogotkova bringt zahlreiche Beispiele aus der Literatur, wie z.B. auch das oben angeführte Gedicht Puškins. Nicht eingegangen wird im Rahmen dieser Arbeit auf lokale Varianten der vertraulichen Anrede. Die Differenzierung Dorf/Stadt wird, soweit sie eine Rolle spielt, beachtet. Es ist zu bemerkten, dass die Unterschiede in Deutschland zwischen der Anrede auf dem Land und in der Stadt bedingt durch die starke Urbanisierung im Zurückgehen begriffen sind. Immer wieder soll das Vergleichskriterium Symmetrie der Anredeformen die Unterschiede zwischen den beiden Sprachen erhellen. 2. Formen und Situationen der vertraulichen Anrede2.1 Der Gebrauch von Du und SieWährend im Deutschen im vertraulichen Bereich heute das Gegenüber fast immer mit Du angesprochen wird, ist dies im Russischen weiterhin differenziert. Dabei ist nach Meinung von Elena Sergeeva der Gebrauch von Ты oder Вы stark an den Bildungsgrad gebunden. Einfachere Schichten verwenden so auch in der Anrede an Unbekannte ein Ты. Auf der anderen Seite fand man im 19. Jh. in höheren Schichten selbst zwischen Ehepartnern den Gebrauch von Вы (Sergeeva 2000, mündl.). Die höfliche Anrede mit Вы wurde in Russland erst im 18. Jh. durch Peter den Großen eingeführt, wobei man es mit der Bedeutung "Ты один стоишь многих" verwendete und durch diese Form besondere Höflichkeit ausdrücken wollte (Kogotkova 1981, 84). Ursprünglich war in Russland nur die Anredeform Ты üblich, Achtung wurde im dörflichen Raum durch Verwendung nominaler Anredeformen geschaffen (z.B. батюшка). Hier ist anzumerken, dass auch in Europa ursprünglich eine Diskrepanz in der Wahl der Anredeform zwischen Landbevölkerung und Adel bestand. Im Gegensatz zu Russland war der Gebrauch von Sie jedoch natürlich gewachsen und überforderte die Menschen nicht, was in Russland anfangs oft der Fall war. Folgende groteske Szene zwischen einem Staatsanwalt und einem bäuerlichen Zeugen aus Ćechovs Erzählung "Ты и Вы" verdeutlicht diese Unsicherheit auf beiden Seiten: - Куда же вы пошли? - У нас одно место! - вздыхает Филаретов - (...) а промеж них и будет постоялый двор. Чай, знаешь Северина Францыча? - Нужно говорить вы... Нельзя тыкать! Если я говорю тебе... вам вы, то вы и подавно должны быть вежливым! - Оно конечно, вашескородие! Нешто мы не понимаем? Но ты слушай, что дальше (...) (Ćechov 1955, 349; vgl. Kogotkova 1981, 84)
Heute werden in Russland Fremde, Schwiegereltern, entfernte Verwandte und in einigen Fällen noch die eigenen Eltern mit Вы angeredet, so "(...) trifft man nicht selten in russischer Provinz noch Familien, in denen die Kinder ihre Eltern und Großeltern mit Sie ansprechen" (Rösch 1991, 293). In Deutschland dagegen beschränkt sich die Anrede mit Sie auf Fremde (und auf höher gestellte?), in Ausnahmefällen siezt man als Kind entfernte Verwandte, mit denen man selten in Kontakt tritt. Interessant ist, dass die „(...) Asymmetrie im Anredeverhalten, sowohl bei pronominaler als auch bei nominaler Anrede unter Erwachsenen im russischen Kulturkreis reglementiert ist und keinen sozialen Verstoß bedeutet“ (Rösch 1996, 293). Kinder siezen ihre Eltern, Großeltern oder Schwiegereltern, werden von diesen aber geduzt. Im Deutschen wird Du und Sie dagegen meist symmetrisch verwendet, d.h. die Sprechpartner verwenden füreinander Du oder Sie jeweils in beide Richtungen. Ausnahmen finden sich bei Kindern, z.B. Schüler-Lehrer-Verhältnis, sowie als neuere Tendenz in den deutschen Universitäten - die Studenten werden, nach vorheriger Absprache, von der Lehrkraft geduzt, welche selber jedoch weiterhin gesiezt wird.
Tab 1: Gebrauch von Du und Sie
2.2 Anrede der ElternDie Anrede der Eltern hat in der Vergangenheit, sowohl im Russischen, als auch im Deutschen große Veränderungen erlebt, deshalb soll hier besonders auf die historische Entwicklung eingegangen werden. Pronominale und nominale Anrede werden getrennt betrachtet. In Deutschland war es bis Mitte des 18. Jh. undenkbar, die Eltern in der mittleren, bzw. gehobenen Schicht mit Du anzusprechen. Eine Autoritätsdistanz galt vor allem dem Vater gegenüber. Noch 1811 erschien eine Schrift „Ueber die Sünde des Du und Du zwischen Eltern und Kindern“, in einer Zeit, in der sich das Du schon mehr und mehr verbreitete (Besch 1998, 109). Von meiner Großmutter weiß ich, dass mein Ururgroßvater (Jahrgang 1841) seine Eltern siezte und mit Frau Mutter und Herr Vater ansprach (z.B. "Ich danke der Frau Mutter für das Mittagessen"). Es wurde in dieser Familie in beide Richtungen gesiezt, ein Zeichen für die ausgeprägte Symmetrie der Anrede im deutschen Sprachraum. Heute erfolgt die Anrede der Eltern in Deutschland durchgängig mit Du, sowohl die Eltern, als auch die Kinder werden geduzt. Eine deutsche Familie in der die Kinder die Eltern siezen ist mir nicht bekannt. In Russland findet man in Bezug auf die Verwendung von Вы und Ты bei der Anrede der Eltern ursprünglich nur Ты, bis die Höflichkeitsform Вы aus Europa eingeführt wurde (siehe oben). Für den Adel und Großteile der Stadtbevölkerung wurde diese neue Form die gängige, die Eltern wurden von ihren Kindern gesiezt, was sich in manchen Kreisen bis in unsere Tage erhalten hat. So berichtet Kogotkova noch 1981 von einem russischen Mädchen, welches seine Eltern mit Вы anredet, damit aber schon große Probleme in ihrem sozialen Umkreis hat (Kogotkova 1981, 83). Es sei bemerkt, dass die Veränderung oder Umstellung einer Anredegewohnheit den meisten Menschen sehr schwer fällt.
Tab 2: Pronominale Anrede der Eltern:
Die nominale Anrede war in Deutschland ursprünglich auf die Formen Vater und Mutter beschränkt. Papa und Mama sind dagegen Formen, die erst im 20. Jahrhundert hinzugekommen sind. In einigen Fällen findet man auch schon im 18. Jahrhundert Koseformen, wie z.B. Muttchen oder Mütterchen. Die Anrede der Eltern nur mit dem Vornamen ist eine Erscheinung jüngster Zeit. Im Schwäbischen, bzw. überhaupt im ländlichen Raum, findet man die Anrede Vadr und Muodr, bzw. Vater/Mutter auch als Anrede zwischen den Eltern (Besch 1998, 75). In Russland wurden die Eltern ursprünglich mit отец und мать angesprochen, die Wörter папа und мама wurden, wie im Deutschen Papa und Mama, ebenfalls nicht verwendet. Um Nähe und Geborgenheit auszudrücken wurden die Anredeformen папинка und маминка gebraucht, nicht jedoch папочка und мамочка, wie dies heute oft der Fall ist. Im Dorf war die häufigste Anredeform für die Eltern батюшка und матюшка. Die Eltern, besonders die Väter wurden verehrt und geachtet, alte Menschen wurden oft direkt mit "Gott" gleichgesetzt. Interessanter Weise fallen sowohl im Deutschen, als auch im Russischen die Wörter отец/Vater im Himmel und отец/Vater auf der Erde zusammen. Auch im russischen Sprachraum findet man zwischen Ehepartnern die Anrede отец und мать, vor allem als Anrede für den Mann, z.B. "Отец поговори с сыном" (Sergeeva 2000, mündl.). Sowohl im Deutschen, als auch im Russischen ist die Verwendung von Vater/отец und Mutter/мать stark zurückgegangen. Im Deutschen findet man für die Eltern heute vor allem die Anrede mit Papa und Mama, sowie seit den 60-er Jahren auch mit dem Vornamen. Nach einer Umfrage von 1994 an verschiedenen Universitäten sprachen etwa 53% der Befragten ihre Eltern mit Papa/Mama, je 10% mit Papi/Mami, Vati/Mutti oder Vater/Mutter und 6% mit Vorname an. Die befragten Studenten wollten von ihren Kindern in Zukunft selber zu 17% mit Vorname angesprochen werden, die Masse wünschte sich weiterhin Papa/Mama, minimal war dagegen der Anteil, der sich Vater/Mutter als Anrede vorstellen konnte (Besch 1998, 73f). Man kann also in Deutschland, zumindest in manchen Kreisen, eine Tendenz zur Anrede der Eltern über den Vornamen feststellen. Aus eigener Erfahrung kann ich berichten, dass ich meine Eltern bis ins Alter von 13 Jahren mit Papa und Mama angeredet habe. Daraufhin folgte ein von meinem Vater erwünschter Wechsel zu Vater und Mutter, der von uns Geschwistern akzeptiert und durchgeführt wurde, wobei es meinen Brüdern und mir zu Beginn sehr schwer viel, nicht die alte Form zu verwenden. Mit dem Verlassen des Elternhauses wechselte ich unbewusst zu den Vornamen meiner Eltern über, was von diesen gutgeheißen wurde. Erst im letzten halben Jahr habe ich bewusst versucht, die Formen Vater und Mutter, sowie Papa und Mama wieder öfter zu benützten, nachdem ich mich mit dem Thema "vertraulichen Anrede" beschäftigte. Aus verschiedenen Gesprächen konnte ich entnehmen, dass im Deutschen mit zunehmendem Alter öfters ein Wechsel von Papa/Mama zu Vater/Mutter oder Vorname stattfindet. Im Russischen ist die Verwendung von отец und мать fast ganz den Anredeformen папа und мама gewichen. In vielen Familien wird отец nur noch in Ausnahmefällen verwendet, z.B. wenn man den Vater fürchtet: "О Боже, пришел наш отец" (Sergeeva 2000, mündl.). Wie wir später bei der Verwendung der Vornamen sehen werden, bietet das Russische eine Fülle verschiedener Kurzformen, die je nach Aussageintention des Sprechers verwendet werden können. Ähnliches ist auch bei der Verwendung von папа und мама festzustellen, z.B. kann die Form папочка ironisch verwendet werden ("Это наш папочка"). Der Gebrauch von мамаша/папаша kann eine gewisse Überheblichkeit der Kinder charakterisieren, z.B. vor Freunden: "У меня мамаша сума сошла". Mамушка, bzw. auch мамка, war im 19. Jahrhundert häufig die Anrede für die Amme, diese Form klingt etwas gröber als die anderen Formen für Mutter. Für Elena Sergeeva hatte diese Form als Kind etwas unheimliches und in gewisser Weise negatives. Sie berichtete mir von ihrem Ausspruch (?): "Ты не мама, ты не мамочка, ты мамушка", mit dem sie ihre Mutter konfrontierte, nachdem diese sie gekränkt hatte. Unheimlich wirkt diese Form wohl vor allem durch das -y (Sergeeva 2000, mündl.). Die Anrede der Eltern mit мам oder пап kann laut Gladrow als eine neue Form des verlorengegangenen Vokativs, des Anredefalls, betrachtet werden. Es wäre demnach keine Koseform, sondern eine spezifische Form der Umgangssprache, eben ein neuer Vokativ (Gladrow 2001, mündl.). Da diese Form nach Meinung eines russischen Muttersprachlers jedoch auch eine gewisse Ungeduld in sich birgt, würde ich sie nicht als neutrale Form neben папа und мама stellen (selbiges gilt für verkürzte Vornamen wie z.B. Вань, Коль). Die Anrede der Eltern mit dem Vornamen finden wir im Russischen fast gar nicht. Einzig in den 70-er Jahren gab es eine Periode ("antiautoritäre Phase") in der die Eltern nicht nur mit мама/папа, sondern auch mit dem Vorname angeredet wurden (Sergeeva 2000, mündl.). Heute ist diese Form der Anrede wieder fast ganz verschwunden.
Tab 3: Nominale Anrede der Eltern:
Die Bedeutung, die dieser Wandel des Anredeverhaltens gegenüber den Eltern hat, ist nicht zu unterschätzen. Haben wir es im Deutschen durch die zunehmende Verwendung des Vornamens mit einer "(...) Intimisierung der Familie zu tun, die die Funktionsrolle der einzelnen Mitglieder eher zurücktreten lässt", so fehlt dies im Russischen fast gänzlich (Besch 1998, 74). Man ergreift in Russland keine "Initiative zur Wahl der ‚partnerschaftlichen’ Anrede und damit zur Abwahl der familiären Funktionsbezeichnung" (Besch 1998, 72). Im Russischen wird durch das Anredeverhalten der Kinder gegenüber ihren Eltern weiterhin die Funktionsrolle der Familienmitglieder betont! Aus den verschiedenen Positionen in der Familie ergeben sich differenzierte Zuständigkeiten, welche durch Alter und Erfahrung hierarchisiert werden (Besch 1998, 76). So bleiben in Russland z.B. auch die Arbeiten im Haushalt strenger an die jeweilige Position gebunden (Vater/Sohn - handwerkliche Arbeiten, Mutter/Tochter - häusliche Arbeiten). Die Individualisierung, die in Deutschland auch im Anredeverhalten stattfindet, wird dabei von einem Großteil der Bevölkerung als positiv gewertet, dass dabei auch vieles verloren geht, wird oft übersehen. So hat jeder Mensch nur eine Mutter, nur ein einziger Mensch kann von uns mit Mutter angesprochen werden. Die Anrede der Eltern mit dem Vornamen stellt diese mit Freunden und Bekannten auf eine Ebene (Besch 1998, 76). Meiner Meinung nach drückt das Verwenden der Vornamen als Anrede für die Eltern aber auch ein Fehlen von Hierarchien aus, was positiv gewertet werden könnte, da es in gewisser Weise von mehr Gleichberechtigung zwischen Eltern und Kinder zeugt. Der Abbau von Funktionsbezeichnungen wäre demnach mit dem Abbau von künstlicher Autorität gleichzusetzen.
2.3 Anrede von Kindern und die Verwendung von VornamenKinder können im Russischen besonders durch die Verwendung der vielen Kurz- und Koseformen der Vornamen sehr differenziert angesprochen werden. Deshalb sei hier die Verwendung der Vornamen im Russischen, sowie im Deutschen vorangestellt. (Teilen?) Während im Deutschen fast keine Diminutivformen der Vornamen gebildet werden, ist dies im Russischen eher der Grundzustand und als Ausländer erfährt man den "wirklichen" Vornamen eines Bekannten oft erst recht spät (wenn man ihn denn nicht selber ableiten kann). Von Александр (Langform) werden gebildet: Саша (neutrale Kurzform), Сашка, Сашок, Сашенька, Саня, Санька, Сашка, Шура, Шурка, Шурик usw. Alle diese Formen tragen eine bestimmte Konnotation und sind nicht als gleichwertige Koseformen oder ähnliches anzusehen. Сашка kann z.B. fehlenden Respekt oder Verärgerung ausdrücken. Die Kurzform Саша drückt, obwohl sie neutral ist, auch einen gewissen Vertrautheitsgrad aus, eine unbekannte Person wird in diesem Sinne nicht sofort mit der Kurzform angesprochen (Rösch 1996, 293). Im Russischen reicht also oft schon die Nennung einer bestimmten Kurzform des Vornamens aus und der Angesprochene kann aus der gewählten Form Rückschlüsse auf die Verfassung des Sprechers ziehen. So drückt z.B. "Николашинка, что ты cделал?" zusätzlich aus "Ich hab dich doch trotzdem gerne, jetzt komm schon, sag was war das, ach du..." Die Anrede mit Николай, selbst Коля trägt diese Information nicht. Durch die vielen Formen im Russischen ergeben sich auch gewisse Übersetzungsschwierigkeiten, da z.B. Коля nicht mit Nikolai übersetzt werden kann, sondern die Bedeutung Nikolai + x trägt (Tschachotina 2001, mündl.). Im Deutschen werden die Vornamen dagegen nur in einer einzigen Form verwendet, so z.B. mein Vorname Nikolai (die im Deutschen möglichen Formen Niko oder Nik wurden bei mir nie verwendet). Ausnahmen bilden lange Vornamen wie z.B. Franziska (Franzi) oder Alexander (Alex), bzw. werden gerade zwischen Kindern viele Spitznamen gebildet. Außerdem werden die Vornamen im Deutschen nicht dekliniert, d.h. man erhält auch durch die Deklination keine weiteren Formen (sieht man von der Endung -s im Genitiv ab). Man kann also sagen, dass durch die einzige Form des Vornamens im Deutschen keine Information transportiert werden kann. Nur durch die Intonation kann der Sprecher ein Gefühl oder ähnliches in die Anrede mit dem Vornamen hineingeben. Die Kurzformen, die man im Deutschen z.B. zu Peter bilden kann (Peterlein, Peterchen, Peterli, Peterle) tragen nur die Zusatzbedeutung von Familiarität und vielleicht eine gewisse Zärtlichkeit, da sie aber auch ironisch oder geringschätzend gemeint sein können, ist ihre Verwendung nicht immer eindeutig und oft unangebracht (Formanovskaja 1992, 12). Im Russischen verwenden Kinder untereinander im Normalfall die neutrale Kurzform, besonders bei langen Namen wie z.B. Александр (auf die Verwendung von Spitznamen soll hier nicht eingegangen werde). Wie wichtig die jeweilige Wahl der Anredeform für russische Kinder sein kann, lässt sich aus einem Konflikt erkennen, den Ertelt-Vieht bei einem Schüleraustausch beobachtet hat: Eine deutsche Schülerin redet ihre russische Austauschpartnerin mit Наталия, anstatt mit Наташа an, so wie sie es den offiziellen Schreiben entnommen hatte. Die russische Schülerin wertete dies als Distanz und Kälte ihr gegenüber du war tief gekränkt (Ertelt-Vieht 2001, mündl.). Ebenfalls von Bedeutung ist meiner Meinung nach die geringe Anzahl verwendeter Vornamen im russischen Sprachraum, besonders für Ausländer klingen sie einseitig und wenig individuell (Наташа, Лена, Ольга...). Im deutschen Sprachraum findet man dagegen einen Zuwachs an Vornamen, oft werden diese sogar erfunden oder aus fremden Kulturkreisen eingeführt (Tara, Sharman, Luna, Sunyam, Peer, Mungla, Jeronim...). Im Deutschen zeigt sich hier wieder die Tendenz zur Individualisierung, wie wir sie schon bei der Verwendung der Vornamen als Anrede der Eltern feststellen konnten. Im Russischen ist solch eine Tendenz zur Individualisierung nicht zu erkennen, auch die Wortspiele aus sowjetischen Zeiten können nicht als eine solche gesehen werden (Тракторина, Владлен, Нинель, Гертруда, Турбина...). Kommen wir nun auf die Anrede der Kinder zurück, so kann aus der Bedeutung der Kurzformen der Vornamen leicht erkannt werden, inwiefern z.B. Mütter schon mit der Auswahl der jeweiligen Form verschiedene Gefühle in die Anrede einbringen können (z.B. "Du hast etwas falsch gemacht und das war schlecht, aber ich mag Dich trotzdem..."). Kinder können diese Differenzierung spüren und deuten. Im Gegensatz zum Deutschen können Kinder im Russischen von ihren Eltern auch mit сын und дочь angesprochen werden (auch mit den Koseformen сыночек und доченька). Im Deutschen erfolgt dies sehr selten und nicht als direkte Anrede, meist nur in Anwesenheit Dritter ("Das ist meine Tochter", nicht aber "Tochter komm doch mal bitte zu mir"). Interessant ist dies in Bezug auf die bei der Anrede der Eltern gemachte Feststellung, dass man im Deutschen eine Tendenz weg von der Funktionsbezeichnung des Gegenüber findet. Im Russischen bleibt den Kindern, ähnlich wie den Eltern, die Rolle des Sohnes oder der Tochter erhalten.
2.4 Anrede der Schwiegereltern und sonstiger VerwandterWesentlich vom Deutschen unterscheidet sich die Anrede der Schwiegereltern im Russischen. Während wir im Deutschen fast immer Du + Vornamen verwenden, finden wir im Russischen heute fast nur Вы + Vor- und Vatersname. Diese Anredeform war ursprünglich in Kreisen der Intelligenzija verbreitet, hat sich inzwischen aber fast überall durchgesetzt. Im Dorf findet man weiterhin мама und папа als Anrede für die Schwiegereltern (bzw. auch баба oder дед + Kurzform des Vornamens), eine Form der Anrede, die zu sowjetischen Zeiten auch in der Stadt sehr verbreitet war (Sergeeva 2000, mündl.). Im Deutschen findet man auf dem Land noch Reste dieser Art der Anrede mit Vater und Mutter. Interessanterweise werden die Schwiegerkinder im Russischen immer geduzt und mit dem Vorname angeredet, es handelt sich also zwischen Schwiegereltern und -kindern um ein asymmetrisches Anredeverhalten (Rösch 1996, 294). Im Deutschen können wir dagegen von einem symmetrischen Anredeverhalten sprechen. Die Anrede der Schwiegereltern mit Вы zeugt von der stärkeren Ausprägung der Autorität, die in Russland zwischen den Generationen erhalten geblieben ist. Interessanterweise auch trotz der Tatsache, dass die Schwiegereltern in Russland durch die engeren Familienkontakte oft viel mehr mit ihren Schwiegerkindern zu tun haben, als in Deutschland (vgl. Anrede der Großeltern). Da die Anrede mit Vor- und Vatersnamen den Angesprochenen tendenziell älter macht, kann man nach Meinung von Elena Sergeeva heute beobachten, dass diese Anredeform langsam schon wieder zurückgeht. Zumindest in Kreisen, in denen man sich besser kennt (wie es bei Schwiegereltern der Fall ist) und in denen man so eigentlich darauf verzichten könnte (Sergeeva 2001, mündl.).
Tab 4: Anrede der Schwiegereltern:
Die Anrede von Onkel und Tante erfolgt im Russischen immer in der Kombination дядя, bzw. тетя + Kurzform des Vornamens. Die Verwendung der Langform ist sehr selten, sie taucht z.B. auf, wenn man einen Verwandten lange nicht gesehen hat, дядя Александр, statt дядя Саша (Sergeeva 2000, mündl.). Ab dem Schulalter wechseln Kinder in Russland meist von Ты zu Вы (Rösch1996, 293). Im Deutschen hat die Verwendung der nominalen Anredeformen Onkel, bzw. Tante einen starken Einbruch erlitten. 42% der Deutschen verwenden nach der bereits oben erwähnten Umfrage unter Studenten nur noch den jeweiligen Vornamen ohne Onkel/Tante (Besch 1998, 74). Die Anredeform дядя, bzw. тетя an Unbekannt, die im Russischen durchaus üblich ist, ist meiner Meinung nach im Deutschen hingegen der Meinung von Formanovskaja nur noch selten zu hören (z.B. Mutter mit Kind im Park: "Bedank Dich doch mal bei dem lieben Onkel für das Eis"). (Vgl. Formanovskaja 1992, 12).
Tab 5: Anrede von Onkel und Tante
Großeltern werden im Russischen von ihren Enkeln in der Regel mit Ты + дедушка / бабушка (bzw. den verschiedenen Kurzformen дед, баб, бабуля und дедуля) angesprochen. Anrede über den Vornamen ist unüblich. Es ist zu bemerken, dass in den letzten Jahrzehnten ein Wechsel von Вы zu Ты stattgefunden hat. Dies ist meiner Meinung nach mit dem Autoritätsverlust der älteren Generation zu erklären, dieser ist auf eine neue Orientierung zum "Jungsein" zurückzuführen. Diese Tendenz findet man sowohl in Deutschland, als auch in Russland. Gerade in Russland leben die Großeltern ja regelrecht für ihre Enkel (finanzielle Hilfe, Babysitter, Sommerferienbetreuung auf der Datscha...). Im Deutschen erfolgt die Anrede der Großeltern heute vermehrt über Opa und Oma, Großvater und Großmutter sind selten geworden. Oft findet sich auch die Anrede über den Vornamen (vgl. Anrede der Eltern). Die Anredeform für die Großeltern im Deutschen mit Opa/Oma kann im Gegensatz zum Russischen nur für die (leiblichen) Großeltern verwendet werden. Spricht man fremde Menschen (auch bekannte ältere Menschen) mit Opa/Oma an, so ist dies unhöflich bis unverschämt ("Oma, gehen sie doch mal bitte aus dem Weg..."). Zu finden ist diese Form nur noch im ländlichen Raum, vor allem aber wohl in der 3. Person ("Oma Frieda hat gesagt..."). 3. Résumé
Durch die vermehrte Verwendung der Vornamen in der vertraulichen Anrede, kommt es im Deutschen zu einer starken Individualisierung der Sprechpartner. Diese Tendenz fehlt im russischen Sprachraum bis jetzt, es wird dort Wert auf die Funktionsbezeichnung, auf die Rolle des jeweiligen Familienmitgliedes gelegt. Das große Differenzierungsspektrum, welches wir im Russischen besonders bei der vertraulichen Anrede finden (von Ты bis Вы) zeugt meiner Meinung nach dabei nicht so sehr von Distanz, Autorität und Höflichkeit (vorrangige Bedeutung von Sie im Deutschen), sondern mehr von Achtung der Persönlichkeit, eben auch bei vertrauten Menschen. Des weiteren sind die Anredeformen im Russischen besonders durch ihre qualitative Differenzierung im Vornamensbereich geprägt, d.h. der Anredende kann für den Angeredeten zwischen viele Formen auswählen. Hier gilt: Чем больше возможностей для выбора дает язык, тем лучше говорящим людям (Formanovskaja 1994, 88). In diesem Sinne ist das Russische dem Deutschen deutlich überlegen, auch wenn die geringe Anzahl an Vornamen vielleicht erst einmal eine andere Tendenz aufzeigt. Blickt man auf die historische Entwicklung der vertraulichen Anrede in der Familie zurück, so zeigte sich, dass die Tendenzen sehr ähnlich sind. Aus Vater wurde Papa, aus отец wurde папа. Da solche Entwicklungen im Kontext des jeweiligen Landes (Verlust der Dorfkultur in Deutschland) gesehen werden müssen, könnte man die Prognose wagen, dass in Zukunft die Anrede der Eltern über den Vornamen auch in Russland zunehmen wird. In Großstädten mit stärkeren Verbindungen zu westlichen Ländern wird dies wahrscheinlich schneller gehen, in ländlichen Gegenden werden sich alte Formen länger halten können. Die Unterschiede, die sich durch die "Nichtdeklination" und "Einförmigkeit" der deutschen Eigennamen im Gegensatz zu der Formenvielfalt, gerade der russischen Vornamen ergeben, deuten wie gesagt auf die Prägnanz des Individuums im Deutschen hin. Das einzelne Individuum wird in der deutschen Sprache durch seinen festen Vornamen klarer umschrieben, als im Russischen, jedoch mit dem Verlust der Formenvielfalt, die die Anrededifferenzierung erhöht. Als letztes sei auf die Symmetrieverhältnisse im Russischen und Deutschen hingewiesen. Es kann festgehalten werden, dass das Deutsche wesentlich symmetrischer und statischer ist als das Russische. Hat man im Deutschen eine bestimmte Anredeform gewählt, so wird sie in der Regel auf Dauer und in meist allen Situationen beibehalten. Im Russischen kann man von einer Nicht-Wechselseitigkeit (asymmetrisches Anredeverhalten), sowie einem Schwanken zwischen Ты und Вы und den verschiedenen Vornamensformen sprechen. Dieses Beweglichkeit macht die russische Sprache insgesamt dynamischer und lebendiger als das Deutsche.
Tab 6: Übersicht: Tendenzen in der vertraulichen Anrede
4. Quellenverzeichnis
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